Literatur : Mein Hund ist meine wahre Liebe

"Ach Glück": Monika Maron erzählt in ihrem jüngsten Roman, wie die Müdigkeit in eine Ehe Einzug hält. Aus dem abgedroschenen Stoff macht Maron eine spannende, komplexe Geschichte.

Jörg Magenau
Maron
Monika Maron.Foto: dpa

Glück ist flüchtig. Weil man es so selten zu Gesicht bekommt, gerät es leicht in Vergessenheit. Oder es wird zu einem übersteigerten Lebensziel. "Ach Glück" heißt der neue Roman von Monika Maron. Der Titel ist wahlweise als resignativer Seufzer oder als überraschte Entdeckung intonierbar. Beide Lesarten sind eng miteinander verschränkt. Glückserwartung allein wäre eine zu banale Ausgangslage.

"Ach Glück" schließt unmittelbar an Marons vorigen Roman "Endmoränen" an, lässt sich aber problemlos als eigenständiges Werk lesen. Dasselbe Personal, dieselben Themen: das unaufhaltsame Älterwerden, die Bedeutung von Familie und Zusammenhalt, die bedrohliche Alltäglichkeit dessen, was einmal Liebe hieß, der Verlust von Leidenschaft und Begehren, die flatterhafte Sehnsucht ins Unbestimmte. Es geht um eine wohl unvermeidliche Eheermüdung nach knapp drei Jahrzehnten Gemeinsamkeit und um das Gefühl, dass das noch nicht alles gewesen sein kann. So weit, so abgedroschen. Doch Maron macht aus diesem Stoff eine spannende, komplexe Geschichte.

Johanna und Achim sind nun Mitte fünfzig und haben, wenn alles gut geht, noch zwanzig, dreißig Jahre vor sich. Das ist eine Menge Zeit. Er werkelt weiter als Kleist-Spezialist in germanistischen Seminaren vor sich hin, mit dem "Rücken zur Welt", wie Johanna ihm vorwirft, weil sie ihn immer nur von hinten am Schreibtisch zu sehen bekommt. Sie hat eine Biografie über Wilhelmine Enke, die Mätresse Friedrich Wilhelms II., abgeschlossen und ist es leid, weitere Biografien zu verfassen. Doch was dann?

Am Schluss von "Endmoränen" hatte Johanna einen ausgesetzten Hund von einer Autobahnraststätte gerettet und mitgenommen. Er spielt jetzt eine entscheidende Rolle im symbolischen Zentrum des Romans. Mit ihm kommt kreatürliche Zuneigung ins Spiel. Ausgerechnet der Hund erinnert an die Fähigkeit, bedingungslos zu lieben. Zugleich ist er ein sichtbares Zeichen der Entfremdung, denn Achim kann dem von Johanna heißgeliebten Tier nichts abgewinnen und findet das Hundegesabber bloß ekelhaft.

Suche nach Leonora Carrington

"Ach Glück" ist eine klassische Aufbruchsgeschichte. Am Anfang sitzt Johanna im Flugzeug, unterwegs nach Mexiko. Eine alte, aber sehr muntere russische Aristokratin machte sich dort auf die Spur der 90-jährigen surrealistischen Malerin und Schriftstellerin Leonora Carrington. Sie hat Johanna animiert, ihr dorthin zu folgen. Leonora Carrington, 1917 geboren, war mit 20 die Geliebte von Max Ernst. Ihr verschlungener Lebensweg führte sie über New York nach Mexiko. In den achtziger Jahren war sie einmal eine Ikone der westlichen Frauenbewegung, blieb aber auch in dieser Zeit eine Außenseiterin. Ihre damals auf Deutsch erschienenen Bücher, allen voran der grandiose Roman "Das Hörrohr", waren bald vergriffen und wurden nicht wieder aufgelegt.

Monika Maron schrieb 1988 einen kleinen Aufsatz über Carrington, in dem sie das Phänomen der Unzugehörigkeit dieser ungewöhnlichen Künstlerin damit zu begründen suchte, dass sie für die Opferrolle, in der frauenbewegte Frauen sich damals sahen, kein bisschen tauge. Doch auch später, als "Täterinnen" und der Typus der selbstbewussten Macherin dominierten, geriet sie nicht in den Blick. So kann Maron dieselbe Frage stellen wie 1988: "Wo war Leonora Carrington?"

"Ach Glück" ist eine Hommage an die Abwesende. Wie in "Das Hörrohr" geht es um die Freundschaft einer Jüngeren zu einer alten, lebensklugen Dame. Für die Biografin Johanna eröffnet sich damit vielleicht doch noch die Möglichkeit zu einem neuen Buch. Am Ende landet sie in Mexiko. Zwölf Stunden sind in schwebender Ortlosigkeit vergangen, Zeit genug, um über ihre Lebenssituation nachzudenken. Achim, der sie am Morgen in Berlin zum Flughafen gebracht hat, ist unterdessen in der Stadt unterwegs und versucht zu ergründen, warum seine Frau ihn verlassen hat – falls man eine Reise ins Unbestimmte, wo auch baldige Rückkehr nicht ausgeschlossen ist, so deuten kann.

Maron erzählt kapitelweise, mal aus ihrer, mal aus seiner Perspektive. Das ist wichtig, denn nur so geraten das Einengende, das Störende, die Ticks und Neurosen, die auf die Nerven gehen, beiderseits in den Blick. Dass Marons Sympathien eher bei Johanna liegen und bei der Notwendigkeit des Aufbruchs, ist nicht zu übersehen. Doch als Achim die gemeinsame Tochter Laura besucht und bei ihr über sich und sein latentes Unglück trauert, sitzt er in exakt derselben Haltung auf dem Stuhl, mit der zuvor ein Selbstporträt Leonora Carringtons beschrieben wurde: "Er ließ beide Hände auf die Sessellehnen fallen, als würde er sich im nächsten Augenblick darauf stützen, um aufzustehen." Diese Haltung grundiert den Roman. "Ach Glück" versucht den Moment zu fassen, in dem noch nichts entschieden ist. Die Dinge und die Gefühle sind in Aufruhr. Das erscheint zumindest Johanna als Erleichterung, nachdem alles in ihrem Leben alltäglich geworden ist: die Arbeit, die Liebe, sie selbst.

Die letzte große Erregung vor der Alltäglichkeit war die Wende. Der Triumph über den Untergang der DDR war das letzte große Gefühl, das die beiden teilten. Marons Tonfall, in den neunziger Jahren von unerbittlicher Strenge, wenn es um die DDR ging, hat sich gemildert. Das ist gut für ihre Prosa, in der sie zu größerer Gelassenheit findet. Den Westen erlebten Achim und Johanna seither als ein Land, in dem man sich selbst seine Bedeutung zu geben hat und sie nicht in Konfrontation zum Staat erlebt. Freiheit ist weniger ein Abenteuer als ein Verlust an Wichtigkeit. So ist "Ach Glück" auch eine Geschichte der Ankunft in der neuen Gesellschaft und darüber, wie ein Ehepaar aus der intellektuell-künstlerischen Mittelschicht sich hier eingerichtet hat. Bis das Sich-eingerichtet-haben eines Tages nicht mehr ausreicht. Das gehört eben auch dazu.

Monika Maron: Ach Glück. Roman. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 218 Seiten, 18,90 €.

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