Literatur : Moden und Morde

Ambitioniert: Volker Kutschers historischer Krimi "Der stumme Tod".

Oliver Pfohlmann

Februar 1930: Eine gefeierte Filmdiva wird mitten in der Szene halb von einem Scheinwerfer erschlagen. Unfall oder Sabotage? Eine zweite Schauspielerin findet man tot in ihrem Premierenkino, mit unterzuckertem Körper und herausgeschnittenen Stimmbändern, eine dritte wird vermisst. Treibt in der Reichshauptstadt ein „Kinomörder“ sein Unwesen? Oder wurden die beiden Aktricen Opfer eines erbarmungslosen Kampfes zwischen rivalisierenden Filmproduzenten?

Zu dumm, dass sich Kommissar Rath für die glamouröse Welt des Kinos bislang wenig interessiert hat, ihm sagen die Namen der verblichenen oder vermissten Leinwandgrößen alle nichts. Zum Glück soll er den Fall der erschlagenen Schauspielerin gleich wieder abgeben, an Oberkommissar Böhm. Zum Glück? Rath wäre nicht Rath, würde er nicht einfach heimlich weiterermitteln. „Arbeiten Sie mit und nicht gegen Ihre Kollegen“, appelliert Böhm noch an den Teamgeist seines jungen Kollegen. „Und vor allem, spielen Sie mit offenen Karten!“

Vergeblich: „Bulldogge“ Böhm ahnt nicht, wie weit voraus ihm Rath da schon wieder ist. Nein, er ist einfach kein Teamplayer: Rath verprügelt schon mal aus Eifersucht einen Kollegen, verabredet sich heimlich erst mit dem Hauptverdächtigen, dann mit dem Unterweltboss Johann Marlow, lässt sich von einem dubiosen Filmproduzenten anheuern, für ihn privat nach einer weiteren vermissten Schauspielerin zu suchen, betritt das Polizeipräsidium am „Alex“ zeitweilig nur noch nachts und lässt sich ansonsten gegenüber seinen Vorgesetzten verleugnen. Diesmal handelt Rath sich mit seinen Solotouren so viel Ärger ein, dass er am Ende sicher ist, sich künftig im Großstadtdickicht als Privatschnüffler durchschlagen zu müssen. Verstehen kann man seinen Eigensinn ja irgendwie. Da ist der exilierte Rheinländer in seinem zweiten Fall in Berlin endlich dort, wo er von Anfang an hin wollte, nämlich bei der „Inspektion A“, der Mordkommission, unter dem Kriminalistengott Ernst Gennat (der gerade den Kollegen in Düsseldorf hilft, den „Vampir“ Peter Kürten zu fassen).

Doch statt dass man Raths Ermittlertalent freie Hand ließe, wartet auf ihn nur Fleißarbeit. Wie der Auftrag, die Beerdigung eines gewissen Horst Wessel zu beobachten, eines kleinen Zuhälters, aus dem die Nazis nun einen Märtyrer machen wollen; Straßenkämpfe mit den Kommunisten sind vorprogrammiert. Rath, für den die Nazis nur eine Mode sind (und „die Moden kommen und gehen“), geht gar nicht erst hin.

Zwei Jahre nach „Der nasse Fisch“, dem furiosen Start der wohl ambitioniertesten deutschen Hardboiled-Reihe, legt Volker Kutscher nun die Fortsetzung vor: Mit „Der stumme Tod“ ist dem Kölner Autor erneut ein glänzend recherchierter, handwerklich solider, spannender Pageturner gelungen, aller Dialoglastigkeit und einigen Überlängen im letzten Drittel zum Trotz. Vor allem muss man sagen: Kutschers Protagonist gewinnt enorm an Profil. Überzeugte sein Erstling mehr durch den detailfreudig ausgemalten historischen Hintergrund als durch den sympathisch-blassen Jung-Kriminalisten ohne Eigenschaften, entpuppt sich Gereon Rath nun als Überehrgeizling und bedenkenloser Zyniker.

Acht Bände soll die Rath-Reihe am Ende umfassen und mit den Olympischen Spielen 1936 enden; Untergang der Weimarer Republik und Anfangszeit des NS-Regimes sollen im Medium des historischen Krimis erzählt sein. Es wird spannend sein, die Entwicklung Gereon Raths über 1933 hinaus zu verfolgen: Unpolitisch und karrieregeil, wie er ist, könnte aus dem Kommissar durchaus auch ein Mitläufer werden – wäre da nicht sein starkes Gerechtigkeitsempfinden.

Doch das ist Zukunftsmusik. Einstweilen schreiben wir noch das Jahr 1930, an der Wall Street sind die Kurse gerade ins Bodenlose gefallen, und Rath gehört zu den Krisengewinnlern, muss ihm doch ein befreundeter Journalist nach Fehlspekulationen seinen Luxusschlitten abtreten. Modernität und Gegenwartsnähe der Epoche und Metropole wollte Volker Kutscher von Anfang an zeigen; die Zeitläufte kommen ihm nun entgegen. So soll Gereon Rath nebenbei noch einen Erpresser finden, der Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer, ein Freund seines Vaters, davon abhalten will, mitten in der beginnenden Weltwirtschaftskrise die Ford-Werke von Berlin nach Köln zu locken.

Der Gefahr, dass die Weimarer Zeit zur Kulisse verkommt, entgeht Volker Kutscher nicht zuletzt dadurch, dass er seinen Kriminalfall erneut ganz aus der Zeit heraus entwickelt. Jene mediale Revolution, als in den Filmateliers in Babelsberg aus dem Stumm- der Tonfilm wurde, ließ viele Kinoästheten Anfang der dreißiger Jahre auf die Barrikaden gehen. Man fürchtete, die neue Kunst, die den hinter dem „Wort“ unsichtbar gewordenen Menschen endlich hatte „sichtbar“ werden lassen, könnte wieder zur bloßen „Jahrmarktssensation“ verkommen. Vielleicht hat der mysteriöse „Kinomörder“ ja einfach nur zu viel Rudolf Arnheim oder Béla Balázs gelesen.


Volker Kutscher: Der stumme Tod.
Roman. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009. 544 Seiten, 19,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben