Literatur : Mythen im Säurebad

Drei Poptheoretiker und ein Wissenschaftler widmen sich der Bundesrepublik.

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Über Deutschland sprechen und schreiben die Deutschen in diesen beiden Jubiläumsjahren des Mauerfalls und der Einheit ausgiebig. Über die DDR sogar noch mehr. Und das „Dritte Reich“ ist sowieso immer da. Das soll auch gern alles so sein. Warum aber kommt die Bundesrepublik, die alte, vergleichsweise wenig vor, obwohl da ja auch gerade ein runder Geburtstag zu feiern war?

Zwei sehr verschiedene Bücher rücken ein Land, das niemand so richtig gut fand, in den Mittelpunkt der Betrachtung. Jens Hacke, Wissenschaftler am Hamburger Institut für Sozialforschung, spürt mit seinem schmalen, aber inhaltsschweren Band „Die Bundesrepublik als Idee“ der „Legitimationsbedürftigkeit politischer Ordnung“ nach. Frank Witzel, Klaus Walter und Thomas Meinecke sichten unter der ironisch allumfassend untertitelfreien Überschrift „Die Bundesrepublik Deutschland“ den Erfahrungsschatz jener Jahre. Ihre Methode ist die freie Assoziation im Trialog, der vom Namedropping und von Geistesblitzen genauso lebt wie von der ästhetischen Haltung der drei Protagonisten.

Hacke nimmt die wichtigsten bundesrepublikanischen Denker durch – Sternberger, Habermas, Dahrendorf etc. – und deren Grundlegung einer bürgerlich-liberalen Ordnung, basierend auf Freiheit und Teilhabe. Aber reicht diese Grundlage aus? Mit dem Rechtsphilosophen Ernst-Wolfgang Böckenförde meldet Hacke Zweifel an. Es sei „eine Illusion zu meinen, eine staatliche Ordnung könne allein aus der Gewährleistung selbstbezogener individueller Freiheit leben, ohne ein bestimmtes Wir-Gefühl vermittelndes einigendes Band, das dieser Freiheit vorausliegt“. Ein „sense of belonging“ werde gebraucht, Mythen, kulturelles Bewusstsein.

Das trifft umso mehr auf die Bundesrepublik zu. Kaum jemand war von dem provisorischen Staatsgebilde begeistert. Die Konservativen nicht, denen Tradition und Pathos fehlten. Die Linken nicht, die keine Dynamik auf dem Weg zum Sozialismus sahen. Die Poptheoretiker nicht, weil sie „die BRD“ unausstehlich fanden – und erst von ihrem Verlag überzeugt wurden, auf ihren musikmythologischen Bestseller „Plattenspieler“ ein politischeres Buch folgen zu lassen.

Insofern aber arbeiten sie wie der Wissenschaftler am Mythos der Bundesrepublik, dessen Inkarnation wohl eher der Internationale Frühschoppen mit sechs Journalisten aus fünf Ländern ist als ein antikes Heroenensemble. Die drei Poptheoretiker versammeln neben Werner Höfer – mit seiner Nazi-Vergangenheit für sie ein bundesrepublikanischer Typus – vor allem weitere mediale Hauptdarsteller, von Gerhard Löwenthal über Rudolf Augstein bis zu Hugo Egon Balder, den Moderator der Fernseherotikshow „Tutti Frutti“. Sie loten den „sense of belonging“ über Medien- und Popkultur aus.

Das Gefühl, dazuzugehören, bedeutet nicht Einverständnis. Für die drei Poptheoretiker, alle sind 1955 geboren, ist die Bundesrepublik erst einmal das Land der Alt-Nazis und der naiven Weltverbesserer. „Es waren die Nazis da, dann irgendwelche strickenden Fritzen, es war einfach nicht auszuhalten, wenn du jung warst und irgendwie was Neues anpeiltest ästhetisch“, sagt Meinecke. Irgendwas Neues ist ihm dann aber gelungen mit seiner Band F.S.K., die zum Avantgarde-Strang der Neuen Deutschen Welle und damit längst selbst zum bundesrepublikanischen Kulturinventar gehört.

Was bei Meinecke und Co. über Haltung mitgeliefert wird, fundiert Hacke argumentativ: Womöglich stifte „sogar der dauerhafte skeptische Vorbehalt gegenüber dem eigenen Staat die fruchtbarsten Debatten über die legitimatorischen Grundlagen und letztlich den identitären Zusammenhalt der Bundesrepublik.“ Demnach liegt die bundesrepublikanische Legitimation gerade in Dissens und Dissidenz und im Recht darauf. In der in Deutschland ansonsten nicht gerade traditionsreichen freien öffentlichen Debatte. Im „Säurebad erbarmungsloser öffentlicher Diskurse“, wie es Jürgen Habermas nennt.

Jens Hacke: Die Bundesrepublik als Idee. Zur Legitimationsbedürftigkeit politischer Ordnung. Hamburger Edition, Hamburg 2009. 129 Seiten, 12 Euro.

Frank Witzel, Klaus Walter, Thomas Meinecke: Die Bundesrepublik Deutschland. Edition Nautilus, Hamburg 2009. 192 Seiten, 16 Euro.

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