Literatur : Nobelpreisträger Solschenizyn ist tot

Der russische Literaturnobelpreisträger Alexander Solschenizyn ist am Montag im Alter von 89 Jahren in Moskau gestorben. Er starb nach Angaben der russischen Agentur Interfax an den Folgen eines Hirnschlags.

Solschenizyn Wladiwostok Foto: AFP
Alexander Solschenizyn 1994 in Wladiwostok. -Foto: AFP

Moskau Alexander Solschenizyn ist tot. Der russische Literaturnobelpreisträger starb im Alter von 89 Jahren in Moskau. Das meldete die Agentur Interfax am Montag unter Berufung auf Literaturkreise in der russischen Hauptstadt. Der russische Präsident Dmitri Medwedew sprach der Familie des weltweit geschätzten Autors sein Beileid aus. Der Schriftsteller und Historiker hatte sich seit Monaten nicht mehr in der Öffentlichkeit sehen lassen. Er starb den unbestätigten Angaben zufolge an den Folgen eines Hirnschlags. Der Nobelpreisträger von 1970 galt seit Monaten als geschwächt.

Als Solschenizyns Hauptwerk gilt der "Archipel Gulag" (1973), in dem er mit Tausenden von Beispielen den stalinistischen Terror in der Sowjetunion darstellt. Den Terror hatte Solschenizyn in neun Jahren Straflager und Verbannung selbst zu spüren bekommen und bereits 1962 in seinem ersten Werk "Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" geschildert. Als ihm 1970 der Nobelpreis verliehen wurde, verweigerte ihm das Sowjet-Regime aber die Ausreise zur Preisübergabe. Nach der Veröffentlichung des "Archipel Gulag" wurde Solschenizyn verhaftet und ausgewiesen. Zunächst nahm ihn Heinrich Böll in Köln auf.

Solschenizyn siedelte schließlich in die USA über und kehrte 1994 nach Russland zurück. Dort kritisierte er fehlgeleitete Reformen und den Mangel an Demokratie unter dem damaligen Präsidenten Boris Jelzin. Als Mahner für ein Russland auf der Grundlage von Gemeinsinn und orthodoxem Glauben fand Solschenizyn aber immer weniger Gehör. Wiederholt forderte Solschenizyn, Russland dürfe die westliche Demokratie "nicht ohne Verstand nachäffen", sondern müsse sich mehr um das "moralische Wohlergehen" des eigenen Volkes kümmern.

Russischer Staatspreis 2007

Bei der Verleihung des Staatspreises, der höchsten Auszeichnung Russlands, im Juni 2007 war der frühere Regimekritiker schwer vom Alter gezeichnet. Seine Dankesrede ließ er im Kreml über eine Videobotschaft einspielen. Später zeigte das Staatsfernsehen, wie der damalige Präsident Wladimir Putin den im Rollstuhl sitzenden Solschenizyn in seinem Haus und Arbeitszimmer besuchte. Zu Sowjetzeiten hatte der Schriftsteller eine Ehrung durch das System stets abgelehnt - auch den Staatspreis.

Als er die Auszeichnung für humanitäre Verdienste annahm, beschwor der Autor im vergangenen Jahr die geistige Einheit seines Landes. Nur so seien die bitteren Erfahrungen vergangener Jahre zu überwinden und neue unheilvolle Schicksalsschläge abzuwenden. Weil der Autor selbst sichtlich geschwächt war, nahm seine Frau Natalja die mit fünf Millionen Rubel dotierte (144.000 Euro) Auszeichnung von Putin entgegen. "Bis an mein Lebensende hoffe ich, dass meine historischen Arbeiten ins Bewusstsein und in die Erinnerung der Menschen übergehen", sagte Solschenizyn im Sommer 2006.

"Die Auszeichnung gibt Hoffnung, dass unser Land die Lehren aus seiner Selbstzerstörung im 20. Jahrhundert gezogen hat und diese Geschichte sich nicht wiederholt", sagte Solschenizyns Frau anlässlich der Übergabe. Über die Politik Putins, der inzwischen Regierungschef ist, und das Erstarken der russisch-orthodoxen Kirche in seinem Land hatte sich der konservative Historiker Solschenizyn in den vergangenen Jahren immer wieder positiv geäußert. Er unterstützte auch die umstrittene Tschetschenienpolitik seines Landes.

Bibliothek über Exil-Russen

In der Einspielung am russischen Nationalfeiertag war der hagere Schriftsteller in einem grauen Anzug und weißem Hemd mit Krawatte zu sehen, im Hintergrund ein großes Bücherregal. Solschenizyn ist seit seinen letzten Schriften zur Geschichte des Judentums in Russland und der früheren Sowjetunion umstritten, weil er russischen Juden auf Grundlage dürftiger Quellen eine Mitschuld an der kommunistischen Diktatur gegeben hatte. Stalin selbst hatte bei "Säuberungsaktionen" in den 1930er Jahren viele Juden töten lassen. Auch während seines Exils in den USA hatten Kritiker Solschenizyn eine antisemitische Haltung vorgeworfen.

Der Präsident der Akademie der Wissenschaften Russlands, Juri Ossipow, hatte Solschenizyn jedoch im vergangenen Jahr als einen der "größten Historiker und Philologen" des 20. Jahrhunderts gewürdigt. Besonders verdienstvoll sei Solschenizyns Bibliothek über die Exil-Russen. Die Stiftung "Russisches Ausland" in Moskau beherbergt in ihrem Gebäude mehr als 50.000 Bände über die Emigration von Russen seit 1917. In seiner Heimat entsteht im Moskauer Verlag Wremja bis 2010 die erste Gesamtausgabe seiner Werke in 30 Bänden. (ck/dpa)

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