Literatur : Sklaven an die Front

Ron Leshem war nie in der Armee, dennoch ist ihm einer der radikalsten Kriegsromane der letzten Jahre gelungen. Sein Buch "Wenn es ein Paradies gibt" erzählt die Geschichte einer israelischen Infanterie-Einheit im Libanon - bis zum bitteren Ende.

Kai Müller

Der Rückzug ist das schwierigste Manöver. Man muss sich aus dem Staub machen, ohne Staub aufzuwirbeln. Aber Politiker verstehen das nicht. Als der israelische Ministerpräsident Ehud Barak 1999 beschließt, seine Truppen aus dem Südlibanon abzuziehen, setzt er der Armee eine Frist von einem Jahr. „Jeder fragte“, empört sich Ron Leshem, „warum erst in einem Jahr? Warum nicht sofort? Warum sollten sich die Soldaten für etwas umbringen lassen, von dem jeder wusste, dass es idiotisch war?“

Ron Leshem ist 31 und lässig gekleidet. Seine schwarzen Haare trägt er kurz. Die Stirn seines rundlichen Gesichts kräuselt sich zum Fragezeichen. Er war nie beim Militär. Aber er hat ein Buch über den Krieg geschrieben, das in Israel über ein Jahr lang die Bestsellerlisten anführte und mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes ausgezeichnet wurde. „Wenn es ein Paradies gibt“ erzählt die Geschichte einer Infanterie-Einheit, die in der berüchtigten Festung Beaufort weit im libanesischen Hinterland stationiert ist. Dort, wo ihnen Mörsergranaten und Raketen der Hisbollah um die Ohren fliegen, einem Soldaten den Kopf vom Körper reißen und so weit weg schleudern, dass sie ihn nicht finden können. Wo sie, angetörnt vom Naturschauspiel der Anhöhe, sich einen runterholen und über Funk obszöne Bemerkungen verbreiten, wo sie ihre Mütter am Telefon belügen und nicht mehr duschen, weil der Wasservorrat zur Neige geht, wo Pillen gegen den Harndrang nötig sind, um im Gefecht nicht aufs Klo gehen zu müssen, dorthin also, wo sich am Fuß einer antiken Kreuzritterburg das israelische Dilemma offenbart.

Hauptfigur ist der 21-jährige Kommandant Liras, der sich liebevoll und erbarmungslos um seine Teenagersoldaten kümmert. Er liebt sie wie Brüder. Die Hisbollah-Kämpfer werden „Aussätzige“ genannt. Am Ende fliegt die Bunkeranlage in die Luft. Eine kilometerweit sichtbare Staubwolke ist alles, was von dem Außenposten übrig bleibt. Der letzte Satz lautet: „Es war alles umsonst.“

Er könne nicht über Dinge schreiben, die ihn selbst betreffen, sagt Ron Leshem. Sein Debütroman schildert allerdings, wovon er gerne ein Teil gewesen wäre. Jedenfalls denkt er das jetzt, da er in einem Berliner Hotelzimmer sitzt, um für die deutsche Ausgabe seines Buches zu werben. Es ist bereits verfilmt worden. „Beaufort“ von Josef Cedar lief im vergangenen Jahr im Berlinale-Wettbewerb und ist für den Auslandsoscar nominiert. Einen Verleih hat der Film in Deutschland bis jetzt nicht gefunden. So schlägt die Stunde der Literatur. „Wenn es ein Paradies gibt“ blickt ins Herz der israelischen Jugend wie wohl kein Buch zuvor. Man sollte meinen, das Leshem selbst ein Teil von ihr ist.

„Die Helden meines Buches hassen mich für das, was ich bin“, sagt er. 1976 in der Nähe von Tel Aviv geboren, wächst er in einem linksgerichteten Elternhaus auf, der Vater ist Betreiber mehrerer Privatkliniken, die Mutter Anwältin, er macht früh Karriere. Mit 26 wird er stellvertretender Chefredakteur der Tageszeitung „Maariv“, vier Jahre später wechselt er in die Programdirektion des Fernsehsenders „Channel Two“. Sein Buch hat den eigentümlich gehetzten, nervös-kernigen Sound von Menschen, die unter ständiger Anspannung stehen. Wie Michael Herrs Vietnam-Epos „Dispatches“ bleibt es eng dem zynischen, achselzuckenden Sprachsumpf des militärischen Jargons verhaftet, eines wütenden Wortstroms, dessen emotionale Dramaturgie die Handlung wie ein Papierschiffchen durch Strudel treibt. Was die Soldaten in Rage versetzt, ist nicht, dass ihre Altersgenossen wenige Autostunden von ihrem Stützpunkt entfernt in Tel Aviver Cafés Cappuccino trinken. Sondern dass sie am Ende des Tages nicht einmal das Radio einschalten, um zu erfahren, ob einer von ihnen getötet worden ist.

Der Libanon-Feldzug, der insgesamt 18 Jahre dauerte, etwa tausend israelischen Soldaten das Leben kostete und 2006 eine fatale Neuauflage erlebte, ist ein verdrängtes Kapitel des jüdischen Staates. Leshem hatte militärische Dinge nie wirklich zur Kenntnis genommen. Bis ihn sein Chef beim Ausbruch der zweiten Intifada für eine Reportage in den Gazastreifen schickte, zu einem isolierten Außenposten, den man nur mit dem Helikopter erreichen konnte.

Leshem war fünf Tage in dem Bunker. Und das Erste, was er zu hören bekam, war: Well man, it’s fucking Saigon here! Da wusste er, dass er eine Story hatte. Zumindest eine Überschrift. Denn der Mann, der da lässig in einer Ecke im Sand saß, sagte auch: „Bleib mir vom Leib …“ Der Bursche war deutlich dunkelhäutiger als Leshem. Seine Einheit war erst fünf Monate zuvor aus dem Libanon abgezogen worden. Der letzte Tote jenes Krieges stammte aus ihren Reihen. Und nun hatten sie schon wieder einen Toten in einem neuen Krieg zu beklagen. „Jede Nacht sagte er mindestens einmal: ,Du glaubst, das hier sei schlimm. Du kapierst gar nichts, der Libanon war schlimm.’“

Wie hatte er von dem, was im Libanon vorgegangen war, nichts mitbekommen können? Vielleicht lag es an seinem Onkel, sagt er, der ’82 in der dritten Kriegswoche gefallen war. Mit 45 Jahren. Da hatte die Familie ihren Helden. Eine Dunkelheit senkte sich über das Haus, in dem viele Bilder an den Toten erinnerten. Der kleine Ron spürte, seine Mutter würde nach dem Verlust des Bruders nie wieder dieselbe sein. „Vielleicht musste ich den Krieg von mir fernhalten, weil er nur mit Angst konnotiert war.“

Jeder ist mit dem israelischen Kriegszyklus vertraut. Vom Unabhängigkeitskrieg (1948/49) und Sechstagekrieg (1967) bis zum Jom-Kippur-Krieg (1973). Aber gegen die täglichen Meldungen von abstürzenden Hubschraubern, Angriffen auf Konvois und all den Toten ist man immun. „Wir leben in einer Blase“, sagt Leshem. „Wir verstehen uns selbst nicht. Wie sollen wir da mit anderen auskommen?“ Leshem steht für eine neue Geisteshaltung. Er sieht in der Festung das Symbol für die mentale Einmauerung, die Israel seit Ausbruch der zweiten Intifada auch physisch vorantreibt. Er schildert, wie die Bedrohung und das ständige Gefühl, nicht gewollt zu werden, auf das Denken übergreift und alles Zivile aufzehrt. Zudem schildert er, wie Israel sein ethnisches Proletariat instrumentalisiert.

„Wie Sklaven, die für uns kämpfen“, sagt Leshem. In die heißen Konflikte werden nur noch arabischstämmige sowie die Kinder orthodoxer Familien geschickt, während die Sprösslinge wohlhabender Bürger verschont bleiben; ähnlich wie in der Unterschichten-Berufsarmee der USA, die im Irak ihre Opfer bringen muss.

Auf die israelische Literatur wirkt „Wenn es ein Paradies gibt“ mit seinem harten Ton wie eine Schocktherapie. Leshem wurde von seinem Verleger genötigt, den Text nicht einfach ausklingen zu lassen. Also fügte er ein Kapitel hinzu.

„Gaza 2001“, beginnt es. Und: „Wir haben doch genug verloren, und es gibt immer noch welche, die bisher gar nichts verloren haben.“ Ob das jetzt weniger trostlos ist?

Ron Leshem, Wenn es ein Paradies gibt. Übersetzung: Markus Lemke. Rowohlt Verlag, Frankfurt am Main. 320 Seiten. 19,90 €.

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