Literatur : Trieb und Trost

Herbert Schnädelbach und Axel Honneth denken nach über die Vernunft.

Angelika Brauer
Vernunft
Herbert Schnädelbach: Vernunft. Grundwissen Philosophie -Foto: promo

Wie oft ist heute von einer Wiederkehr des Religiösen die Rede. Warum spricht eigentlich niemand von einer Wiederkehr der Vernunft? Herbert Schnädelbachs Einführung in die Probleme der Vernunft und Axel Honneths Aufsätze über deren Pathologien könnten dazu ein Auftakt sein. Schnädelbach, der bis zu seiner Emeritierung 2002 an der Berliner Humboldt-Universität lehrte, nimmt den Klimawandel, der unsere Chance auf diesem Planeten davon abhängig macht, dass „wir Vernunft annehmen und mit der Natur- und Selbstzerstörung aufhören“, zum Anlass für die Grundsatzfrage: „Aber was ist das, das wir annehmen sollten?“ Ist die Vernunft ein Vermögen, das den Menschen vor allen anderen Lebewesen auszeichnet? Man sagt es besser gleich nüchtern: Sie ist seine geistige Fähigkeit, die sich durch einen verantwortungsvollen Gebrauch bewähren muss. Vernünftig leben heißt überlegt leben. Man lässt sich nicht einfach treiben.

Dass die Vernunft allerdings selbst etwas Triebhaftes hat, zeigt ihre Geschichte, die Schnädelbach von der Antike bis zur Gegenwart rekonstruiert. Die Vernunft treibt hinaus über das, was ist. Sie versucht, auch das zu erfassen, was jenseits des Seienden ist. Sie wird spekulativ – und dann früher oder später auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. In der Antike haben das die Sophisten geleistet. Sie verstanden Vernunft pragmatisch, als „Handlungsrationalität in konkreten Situationen“. Mehr muss ja nicht sein, um im Alltag vernünftig zu leben.

Oder heißt vernünftig leben nicht auch: gut und gerecht, also moralisch richtig? Schnädelbach unterschlägt nicht, dass die Vernunft den Umweg über die Spekulation zu guter Letzt deshalb nimmt, um genau diese Orientierung zu bieten. Nur beiläufig merkt er an, dass ihm persönlich eine vernünftige Weltorientierung ohne Metaphysik und Spekulation lieber wäre. Die eigene Meinung soll sich über die Sache vermitteln. Vernunft ist nicht entweder spekulativ – und dann lächerlich weltfremd. Oder pragmatisch, strategisch, instrumentell – und dadurch gefährlich nützlich. Wenn an dieser menschlichen Begabung etwas eindeutig ist, dann nur dies: dass zu ihr nicht das vernünftige Maß gehört, wohl aber die Möglichkeit, sich selbst zu kritisieren.

Diese Selbstkritik ist ihr Wesen. Schnädelbachs These, „dass Vernunft und Kritik zusammengehören, dass also die Vernunft in ihrem Wesenskern kritisch ist und dass unkritische Vernunft auf faktische Unvernunft hinausläuft“, strukturiert seine Geschichte des Begriffs. Vernunft oder Rationalität, das versteht man, ist ein offenes Projekt: Ob sie sich verwirklicht, hängt von den Menschen ab, die „im Prinzip vernünftig sein können“. Die Beteiligten sind „wir“. Unsere kritische Vernunft ist gefragt, um zu prüfen, ob das Vernünftige auch tatsächlich vernünftig ist.

An diesem Punkt fällt der Blick auf das neue Buch von Axel Honneth. Der Titel „Pathologien der Vernunft“ legt den Verdacht nahe, dass die Vernunft, deren kritischer Einsatz gefordert wäre, dazu vielleicht gar nicht in der Lage ist. Die Mitglieder der Frankfurter Schule jedenfalls haben „in der Gesellschaft der Gegenwart den Ausdruck einer sozialen Pathologie der Vernunft“ gesehen. Und Honneth, der das Erbe der Kritischen Theorie übernommen hat und heute das Frankfurter Institut für Sozialforschung leitet, erinnert an diesen Befund nicht aus Nostalgie. Vielmehr sieht er darin den kleinsten gemeinsamen Nenner, auf den sich so unterschiedliche Denker wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Jürgen Habermas einigen konnten. Und er geht davon aus, dass er nach wie vor gilt – obwohl seine Aufsätze ihn oft nur aus großer Ferne in den Blick nehmen.

Der Titeltext skizziert die Aufgabe der „Reaktualisierung“, wenn auch zunächst nur als Auftrag an die eigene Zunft. Es wäre für alle, glaubt Honneth, schon viel gewonnen, wenn sich die Gesellschaftstheorie eines Besseren besönne. Zurzeit beschränkt sie sich darauf, punktuell und „normativ“ Stellung zu beziehen – ohne kritischen Blick auf das Ganze. Und ohne Gesellschaft als Produkt eines „geschichtlich-sozialen Prozesses“ zu sehen.

Das war die Leistung der Kritischen Theorie, die Honneth verteidigt, indem er zunächst auf deren Hegel-Nachfolge verweist. Zwar bleibt von Hegels spekulativem Projekt einer absoluten Vernunft, die sich in der Geschichte verwirklicht, für die Vertreter der Kritischen Theorie nur der „Rest“ eines „vernünftigen Allgemeinen“. Im Rückblick jedoch fällt darauf der Glanz des Traums von einer Sache, die für alle Menschen vernünftig wäre. Und zwar so, dass ein Leben nur dann gelingt, wenn es sich „mit der Selbstverwirklichung aller anderen Gesellschaftsmitglieder verschränkt“. Ein Modell, das allzu schön erscheint.

Da lohnt es, an den Negativismus der Kritischen Theorie zu erinnern. Galt ihren Vertretern der Gedanke „kooperativer Selbstverwirklichung“ doch nur als Maßstab, um das Misslingen dieser Selbstverwirklichung festzustellen und den Ursachen nachzugehen. Was Honneth differenziert und heute keiner mehr hören will: Die Kritische Theorie hat dafür den Kapitalismus verantwortlich gemacht. Der Druck der Ökonomie, der alles Denken, Handeln und Verhalten bestimmt, zerstört das Konzept eines vernünftigen Allgemeinen. Und deformiert die Vernunft von Ich und Wir. Der „Verblendungszusammenhang“ wird so geschlossen.

Das Bild wurde zum Klischee der Kritischen Theorie und wohl auch zum Grund, sich von ihr abzuwenden. Denn den Nullpunkt des Negativen zu überwinden – darum geht es doch. Honneth sieht ihn in der Freud’schen Psychoanalyse. Denn die Vertreter der Kritischen Theorie gingen nicht nur davon aus, dass die Menschen an ihrer beschädigten Rationalität „leiden“. Sie unterstellten auch, dass die Leidenden ihren Zustand überwinden wollen; wie der Patient, der sich durch Leidensdruck zu einer Therapie entschließt. Eine „riskante Voraussetzung“ der Hoffnung, dass die beschädigte Vernunft eines Tages wieder kritisch sein könnte. Aber wer weiß, was hinter der Wiederkehr des Religiösen steht? Vielleicht nicht gerade ein „Leiden“, aber doch ein Trostbedürfnis – als Zeichen, dass etwas in der Gegenwart nicht stimmt.

Herbert Schnädelbach: Vernunft. Grundwissen Philosophie. Reclam, Stuttgart 2007. 155 S., 9,90 €.

Axel Honneth: Pathologien der Vernunft. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a. M. 2007. 239 Seiten, 10 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben