Literatur : Unter Brüdern

"So war das nicht ausgemacht, Genossen": Duncan Shiels über das Familiendrama der Rajks.

Hannes Schwenger

Gefälschte Beweise und ein erpresstes Geständnis entschieden 1949 in Ungarn den Schauprozess gegen den zweiten Mann im Staat, den früheren Innen- und Außenminister László Rajk. Als vermeintlicher Spion und „Titoist“ wurde er am 15. Oktober 1949 hingerichtet, obwohl er bis zuletzt dem Versprechen seiner Vernehmer glaubte, das Urteil werde nicht vollstreckt. Angeblich sollte er mit geänderter Identität ins sowjetische Exil entlassen werden, wenn er sich geständig zeigte. Noch auf dem Weg zum Galgen rief er seinen Peinigern zu: „Nein, so war das nicht ausgemacht, Genossen!“

Es war „der Schlusspunkt unter Ungarns Jahrhundertprozess“, wie Duncan Shiels in seinem Buch schreibt, in dem er die Causa Rajk als „ein europäisches Familiendrama“ aufrollt. Dazu gehört nämlich auch die Lebensgeschichte der Geschwister Rajks, seiner Witwe und seines Sohnes László junior, der nach der Revolution 1956 mit seiner Mutter nach Rumänien verschleppt wurde und später im Widerstand gegen Janos Kádárs Regime agierte.

László Rajk war das neunte, sein Bruder Endre das sechste von elf Kindern des Siebenbürger Schuhmachers Joszef Reich, der seinen österreichischen Namen magyarisieren ließ; für Shiels „ein Zeichen für das wachsende Selbstbewusstsein der Ungarn“. Beide Brüder fanden ihren Weg in die Politik, der ältere Endre als Staatssekretär der faschistischen ungarischen Pfeilkreuzler, der jüngere László als kommunistischer Agitator, Spanienkämpfer und endlich Minister der kommunistisch dominierten Republik – später Volksrepublik – Ungarn.

Trotz ihrer politischen Gegnerschaft retteten die Brüder einander in höchster Not das Leben: Als László Rajk 1944 verhaftet und wegen Landesverrats angeklagt worden war, intervenierte Endre und erreichte die Aussetzung der Haftstrafe. Nach der Befreiung und sowjetischen Besetzung Ungarns wurde László zunächst Mitglied des Ungarischen Nationalkomitees und stellvertretender Präsident des Budapester Stadtkomitees, „ständig an der Seite von KP-Generalsekretär Mátyás Rákosi“. Jetzt sorgte László dafür, dass sein in den Westen geflohener Bruder nicht auf die Liste von Kriegsverbrechern kam, die an Ungarn ausgeliefert und, wie der Chef der Pfeilkreuzler Szalasi, hingerichtet wurden.

„Zu jener Zeit“, schreibt Shiels, „war Lászlós Stellung in der Partei unangefochten. Er war der einzige Nationalkommunist in der Führung, die ansonsten von den unpopulären ,Moskowitern‘ dominiert wurde, und nach dem schlechten Abschneiden der Partei bei den Wahlen von 1945 wäre jeder Versuch, mehr Rückhalt in der Bevölkerung zu gewinnen, zum Scheitern verurteilt gewesen, hätte man ihn nicht einbezogen. Sein Einfluss war also groß, und so wurde Endre nicht auf die Liste gesetzt. Damit hatte László den höchsten Dienst vergolten, den man einem Menschen erweisen kann – er hatte Endres Leben gerettet.“ Endre wurde nach Deutschland entlassen und starb dort 1960, nachdem er während der Revolution 1956 seine Rückkehr erwogen, zu seinem Glück aber nicht vollzogen hatte.

Schlimmer erging es den Angehörigen László Rajks, die nach seiner Hinrichtung sieben Jahre bis zu seiner Rehabilitierung warten mussten, als Rákosi auf einer Parteiversammlung eingestand, der Prozess habe auf Fälschungen beruht. Erst im Mai 1956 erhielt Rajks Witwe Julia, die selbst fünf Jahre in Haft gesessen hatte, eine offizielle Bestätigung über die Unschuld ihres Mannes. Seinen Sohn László jr. hatte man unter falschem Namen in ein Heim für Funktionärskinder gesteckt, bevor er in die Familie zurückkehren konnte. Jetzt gab der Petöfi-Kreis Julia Rajk Gelegenheit zu einer öffentlichen Rede, in der sie an ihre Demütigungen erinnerte: „Mein Kind war vier Monate alt, ich stillte es noch, als ich zusammen mit meinem Mann geholt wurde. Als ich es wiedersah, war mein Kind fünfeinhalb Jahre alt.“

Obwohl Rákosi den Petöfi-Kreis zweimal verbieten ließ, bevor er selbst stürzte, waren die Dinge nicht mehr aufzuhalten: Julia Rajk einigte sich mit der Partei auf eine öffentliche Umbettung ihres Mannes, und am 6. Oktober 1956 nahmen 100 000 Menschen an der Beisetzungsfeier teil. Bela Szasz, der die Szene in seinem berühmten Buch „Freiwillige für den Galgen“ schildert, schließt seinen Bericht: „Unter den Salutschüssen hatte Rajks Rehabilitierung ihr Ende gefunden. Aber die Rehabilitierung der hunderttausenden, die im Demonstrationszug mitgingen, und derer, die noch nicht dabei waren, hatte eben erst begonnen.“ Zwei Wochen später brach der Aufstand los.

Aber der Leidensweg der Familie war damit nicht beendet. Nach der Niederschlagung des Aufstands suchte Julia Rajk mit ihrem Sohn – auf Einladung Imre Nagys – Asyl in der jugoslawischen Botschaft und wurde zusammen mit den anderen Botschaftsflüchtlingen nach Rumänien deportiert. Während Nagy und seiner Regierung der Prozess gemacht wurde – auch diesmal wurde gehenkt –, blieben die Angehörigen in Rumänien interniert. Nur László jr. durfte mit Zustimmung Janos Kádárs zu seiner Tante und Großmutter in Ungarn zurückkehren.

Julia Rajk kam erst Ende Oktober 1958 nach Ungarn zurück. Kádár war bereit, sie unbehelligt zu lassen, wenn sie auf offenen Widerstand verzichtete und keine Interviews gab. Sie erhielt eine Stelle in der Nationalbibliothek. Es war, schreibt Duncan Shiels, „der gleiche Handel, den Kádár mit der ganzen Bevölkerung abgeschlossen hatte … Statt ,Wer nicht für uns ist, ist gegen uns‘ hieß es nun: ,Wer nicht gegen uns ist, ist für uns‘.“ Ironie der Geschichte: Janos Kádár starb 1989 am selben Tag, an dem der Oberste Gerichtshof Ungarns Imre Nagy rehabilitierte.


Duncan Shiels: Die Brüder Rajk. Ein europäisches Familiendrama. Zsolnay Verlag, Wien 2008. 352 Seiten, 24,90 Euro.

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