Literatur : Vernunft und Finsternis

Der Essayist László F. Földenyi stellt in Berlin sein Buch über Hegel und Dostojewski vor.

Gregor Dotzauer

Das Licht der Vernunft leuchtet, wenn es will, bis in den letzten Winkel dieser Welt hinein. Sein Laserstrahl brennt alle finsteren Ecken aus, und wo es milder strahlt, verleiht es selbst den trübsten Tassen einen verheißungsvollen Glanz. "Wer die Welt vernünftig ansieht, den sieht sie auch vernünftig an", behauptete, noch unbeeindruckt von den dialektischen Unheilsvolten, die die Aufklärung im 20. Jahrhundert schlug, der preußische Staatsphilosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel in seinen "Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte". Aber er wollte es auch gar nicht besser wissen, obwohl ihm das auch schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelungen wäre.

Seelenruhig schloss er aus seinen Betrachtungen ganz Afrika aus, "das Kinderland, das jenseits des Tages der selbstbewussten Geschichte in die schwarze Farbe der Nacht gehüllt ist", und ungerührt exkommunizierte er Sibirien: "Die ganze Beschaffenheit des Landes ist nicht derart, dass es ein Schauplatz geschichtlicher Kultur wäre und eine eigentümliche Gestalt in der Weltgeschichte hätte bilden können."

Es ist nicht ausgemacht, dass Fjodor Michailowitsch Dostojewski genau diese Zeilen las, als er 1854, nach vier Jahren Zwangsarbeit und Verbannung in Sibirien wegen angeblich staatsfeindlicher Aktivitäten, als Soldat nach Semipalatinsk kam. Doch wir wissen, dass er über seinen Freund Wrangel Gelegenheit hatte, Hegel zu lesen, und es hat seinen Reiz, die "Aufzeichnungen aus einem Totenhaus", in denen er die Erfahrungen seiner sibirischen Jahre verarbeitete, auch als Antwort auf diese Provokation zu betrachten. Ausgeschlossen aus der Weltgeschichte, hätte ihm die blinde Arroganz der Berliner Universitätskoryphäe Tränen der Wut in die Augen treiben können. Verbürgt ist nur, dass ihn, wie er in einem Brief aus der Zeit bekannte, die pure Hoffnungslosigkeit zum Weinen brachte: "Rundum Schnee und tobender Sturm; die Grenze Europas, vor uns Sibirien und darin das geheimnisvolle Schicksal, hinter uns alles, was vergangen war - es war traurig, mir kamen die Tränen."

Die Art und Weise, in der László F. Földenyi in seinem Essay "Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus" den Anwalt des vernünftigen Weltgeistes und einen seiner bittersten Kritiker aufeinandertreffen lässt, hat also etwas von einem Phantomgespräch. Doch der ungarische Schriftsteller, dem wir hervorragende Bücher über Heinrich von Kleist und Caspar David Friedrich verdanken, hebt es weit über ein Kapitel fragwürdiger Geistesgeschichte hinaus. Aufgespannt zwischen den Begriffen Vernunft, Hölle und Transzendenz, rührt er auf wenigen Dutzend Seiten mit einer bewundernswerten stilistischen und gedanklichen Dichte an die Urgründe unserer hypertroph vernünftigen Zivilisation. Sie wendet, moniert er, den Blick von der geschichtlichen "Schlachtbank" ab, die den Menschen daran erinnern würde, dass er nicht ungehindert über sein Leben verfügt. "Die Zivilisation", schreibt Földenyi, "scheint endgültig zu vergessen, dass ihre Existenz in etwas wurzelt, worüber sie keine Macht und worauf sie keinen Einfluss hat." Prononciert weltoffen, wie sie sich mittlerweile gibt, könnte sie zumindest auf ihr inneres Afrika und ihr inneres Sibirien stoßen. Man kann das einen Moment lang getrost als Anmerkung zu einer aktuellen Debatte lesen: Falls so etwas wie Hegels edler, von allem Kreatürlichen gereinigter Geist ins künftige Stadtschloss einziehen sollte, dann braucht es mindestens einen Dostojewski als blutiges Schlossgespenst.

László F. Földenyi: Dostojewski liest Hegel in Sibirien und bricht in Tränen aus. Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki. Vorwort von Alberto Manguel. Matthes & Seitz, Berlin 2008. 64 Seiten, 10 €. Der Autor stellt seinen Essay im Gespräch mit Rüdiger Safranski am Freitag um 19 Uhr im Berliner Collegium Hungaricum vor.

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