Literatur : Wallace Stegners "Zeit der Geborgenheit"

Versuch über die Freundschaft: Wallace Stegners „Zeit der Geborgenheit“

Ulrike Baureithel

Wie macht man ein viel gelesenes Buch aus Gestalten, deren Leben so still verläuft wie bei diesen?, fragt sich der Ich-Erzähler irgendwann einmal nachdenklich. Die Frage stellt sich auch bei der Lektüre dieses Romans des 1993 verstorbenen US-Autors Wallace Stegner: Warum blättert man jede dieser 400 Seiten, auf denen eigentlich nichts passiert, wie eine Offenbarung auf? Beim Lesen weiß man nur, dass schon auf der nächsten Seite wieder eine neue einfangende Beschreibung steht, ein mit scheinbar flüchtigen Strichen hingeworfener Charakter, ein fein austarierter Dialog oder einfach nur die Weisheit eines Erzählers, der nicht nach Effekten fahndet, sondern nach dem herausfordernden Gleichmaß einer Tugend: der Freundschaft.

Ciceros Schrift „De Amititia“, der sich der jugendliche Highschool-Absolvent im provinziellen Albuquerque ein Jahr lang lesend genähert hat, steht wie eine barocke Inscriptio über diesem Roman. Sein Titel „Zeit der Geborgenheit“ erinnert an die viktorianischen Mädchenromane von Louisa May Alcott, altmodisch und aus der Zeit gefallen. Nichts weiter als um die Freundschaft zwischen zwei Ehepaaren geht es in diesem Buch, das, mitten in der amerikanischen Weltwirtschaftskrise handelnd, zwar ein paar private Wechselfälle vorhält, aber nichts, woraus heutige Eheromane gemacht sind: Fremdgang, Bäumlein-wechsle-dich-Spiel oder gar Swingerparties. Von Sex ist hier meist nur die Rede, wenn ihm entsagt wird.

Wallace Stegner, dieses große und hierzulande wenig bekannte amerikanische Multitalent, erzählt in seinem letzten, 1987 erschienenen Buch die Geschichte von Larry und Sally Morgan und Charity und Sid Lang, die sich zufällig auf einer Dinnerparty in Madison, Wisconsin begegnen und von ihrer gegenseitigen Sympathie überwältigt werden. Dabei könnten die Paare gegensätzlicher nicht sein: Die Morgans aus dem Mittelwesten stammend, ohne Familie, Larry ehrgeizig, aber mittellos, die Langs dagegen Harvard-Absolventen, gesellschaftlich arriviert und ökonomisch unabhängig.

Larry und Sid teilen ihre keineswegs nur akademische Neigung zur Literatur, denn beide fühlen sich zum Schreiben berufen. Die zurückhaltende Sally und die raumgreifende und energische Charity erwarten, als sie sich begegnen, beide ein Kind. Charity will Madison zum Mittelpunkt der akademischen Welt machen, Larry sich in der literarischen durchsetzen. Der Wettstreit auf dem Feld der Dichtung und des Kinderkriegens kann der aufkeimenden Freundschaft jedoch nichts anhaben. Die Morgans werden gerne gesehene Gäste im Lang’schen Sommerhaus in Vermont, wo sich mit Tante Emmy, Charitys Mutter, das amerikanische Matriarchat der Zwischenkriegszeit niedergelassen hat, samt Großfamilie und Beziehungsgeflecht. In Battle Pond entfaltet die sogenannte „Feminisierung der amerikanischen Kultur“ ihre letzte Blüte und Männern ist hier nur eine Statistenrolle zugedacht: als zerstreute Sprachwissenschaftler wie Charitys Vater oder reimende Dichter und kenternde Segler wie Sid. Selbst Larry unterwirft sich dem Willen der Frauen.

Erzählt wird all dies im Rückblick aus den bruchstückhaften Erinnerungen Larrys, als die Morgans im August 1972 – Sally ist nun gelähmt – nach Battle Pond reisen, um die todkranke Charity noch einmal zu sehen. Doch das „Paradies“, in das beide zurückzukehren glauben, hat sich verändert. Die „Familie“ hat Risse bekommen und von dem einstigen Ehrgeiz der vier ist wenig übrig geblieben. Dennoch zwingt Charity Familie und Freunde noch einmal unter ihre Regie, als sie ihren Tod inszeniert. Wie sie ist auch Stegner Akteur und Regisseur in einem. In vollem Bewusstsein, dass „das rückblickende Erzählen keine Spannung schafft“, spielt er mit den Zeitebenen, arrangiert kunstvoll den Wechsel von Erzählung und Reflexion. „Irgendetwas, flüstert der Romancier in mir, wird dieses einträchtige Viergespann auseinanderbringen“, schreibt er an einer Stelle und prüft die Möglichkeiten der Verstrickungen. Doch ein „Drama“ sei aus dieser Geschichte nur zu machen, wenn die Freundschaft scheiterte, durchbricht er die Spannung sofort wieder und fällt in den ruhigen Erzählstrom zurück.

Dass sich Stegner dabei als profunder Kenner der Kunst und der Wissenschaften – von der Kunststadt Florenz über alte Geschichte bis hin zur Botanik – erweist und dieses Wissen graziös einzuflechten versteht, fügt dem Bild dieses 1909 in Iowa geborenen und in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsenen Schriftstellers und Gelehrten eine weitere Facette hinzu. Darüber hinaus, so berichtet T. H. Watkins in seinem Nachwort, sei sein Freund auch der Wegbereiter der amerikanischen Naturschutzbewegung gewesen. Von der Abhängigkeit der Natur vom Menschen und der Menschen untereinander handelt sein Roman über die Freundschaft. Und darin sind Stegners Landschaftsbeschreibungen womöglich das Faszinierendste.

Wallace Stegner: Zeit der Geborgenheit. Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte. Mit einem Nachwort von T. H. Watkins. dtv, München 2008. 417 S., 14,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben