Literatur : "Warum schweigt das Volk?"

Emotionale Notizen aus Putins Reich: Anna Politkowskajas postumes "Russisches Tagebuch"

Jens Mühling

Was sie wohl zu Putins Nato-Schelte gesagt hätte? Oder zum aktuellen Zwist zwischen Russland und Estland? Seit Anna Politkowskaja am 7. Oktober 2006 im Flur ihres Moskauer Wohnhauses erschossen wurde, klafft hierzulande eine publizistische Lücke: Nun dringt gar keine oppositionelle Stimme mehr aus Russland zu uns. Was nicht daran liegt, dass es dort an artikulierten Querdenkern mangelte. Sondern daran, dass Politkowskaja im westlichen Ausland einen Nerv traf, der die Wiederbesetzung ihrer Kommentatorenstelle schwierig macht: Sie maß Russland an westlichen Wertvorstellungen. Und ließ sich vom regelmäßigen Scheitern dieser Messversuche genau so sehr erschüttern, wie es der Westen im Umgang mit Russland tut.

Das war die Stärke und gleichzeitig Schwäche ihrer ersten beiden auf Englisch (und später auch auf Deutsch, aber nie auf Russisch) veröffentlichten Bücher "Tschetschenien" und "In Putins Russland": Mit unerschöpflicher journalistischer Akribie dokumentierte Politkowskaja darin die haarsträubenden Unzumutbarkeiten des russischen Alltags, deckte Skandale auf, fand Opfer, benannte Täter. Die moralische Empörung über ihre Funde mengte sie ihren postsowjetischen Sittengemälden allerdings gleich bei, und diese mitgelieferte Deutungsrichtlinie war es, die ihre Kommentare so angreifbar machte. Ein Vorwurf, der Anna Politkowskaja im Übrigen nichts bedeutet hätte: Ausdrücklich sah sie ihre Aufgabe nicht im Analytischen, sondern darin, "emotionale Randnotizen zu unserem Leben im heutigen Russland" beizusteuern, wie sie im Vorwort zu "Putins Russland" schrieb.

Am besten gelingt ihr diese selbst gewählte Aufgabe mit jenem "Russischen Tagebuch", das nun erst nach ihrem Tod veröffentlicht werden konnte. Weil es sich um Tagebuchaufzeichnungen handelt, entfällt der raumgreifende Deutungsanspruch der früheren Bücher, der empörte Ton ist persönlicher und lässt dem Leser Interpretationsraum. Chronologisch reichen die Notizen etwa von den letzten russischen Parlamentswahlen im Dezember 2003 bis zur Verurteilung Michail Chodorkowskijs im Mai 2005 - einer Periode also, in der parallel zu Politkowskajas Aufzeichnungen auch die öffentliche Meinung im Westen zunehmend das Vertrauen in Russlands demokratischen Entwicklungswillen verlor.

Politkowskaja bleibt im "Tagebuch" bei ihren wichtigsten Themen: Ein großer Teil der Aufzeichnungen widmet sich Tschetschenien, vor allem der dubiosen Rolle des moskautreuen Republikchefs Ramsan Kadyrow, der bis heute immer wieder als möglicher Auftraggeber des Politkowskaja-Mords ins Spiel gebracht wird. Andere Aufzeichnungen handeln von den Skandalen in der Armee, von der allgegenwärtigen Korruption und der Aushöhlung des Rechtssystems - und immer wieder von Wladimir Putin, dem Politkowskaja wie in ihren früheren Büchern beharrlich die Schuld an jeglicher Fehlentwicklung in Russland anlastet. Nur manchmal kommt - und das ist neu im "Tagebuch" - ein zweiter Verdächtiger ins Spiel: die russische Bevölkerung, deren weitgehende Zufriedenheit mit Putins Regnum Politkowskaja mit zunehmendem Befremden, oft gar mit Verachtung registriert. "Warum schweigt das Volk?", fragt sie sich an vielen Stellen des Buches. Oder: "Das Volk hat alles geschluckt und sich willens gezeigt, ohne Demokratie zu leben."

Besonders die chronologische Struktur macht das "Tagebuch" für ausländische Leser interessant: Weil die beschriebene Epoche so nah an der Gegenwart liegt, wirken Politkowskajas Kommentare vor dem Hintergrund der jüngeren Berichterstattung - und differenzieren das Gesamtbild dabei stärker, als es ihre früheren Bücher taten. Um so bedauerlicher ist die undifferenzierte Verkitschung, mit der sich hiesige Kommentatoren in letzter Zeit Anna Politkowskaja genähert haben. Stellvertretend für zahlreiche journalistische Beiträge sei hier die deutsche Essaysammlung "Chronik eines angekündigten Mordes" genannt. Neben Texten von Politkowskaja versammelt sie 13 Beiträge von Autoren, die nicht nur geschlossen gegen das Böse, sondern auch vehement für das Gute sind - womit die geistige Spannweite dieses verzichtbaren kleinen Büchleins weitgehend umrissen wäre. Mehr gutmenschliche Gemeinplätze als hier wurden selten auf 250 Seiten ausgewalzt: Da wird "eine Ikone der Moral" gewürdigt, da wird "mit letzter Kraft gegen das Unrecht angeschrien", da tritt "David gegen Goliath" an, dass es nur so jault.

Das mehr oder weniger bemerkenswerteste Kapitel des Buches dokumentiert Wladimir Putins despektierliche Auslassungen über die politische Bedeutungslosigkeit der kurz zuvor ermordeten Autorin - womit die Ehre des einzig kontroversen Buchbeitrags ausgerechnet jenem Manne überlassen bleibt, den Politkowskaja im Leben am meisten hasste.

Anna Politkowskaja: Russisches Tagebuch. Dumont Literatur und Kunst Verlag, Köln 2007. 350 Seiten, 24,90 Euro.

Norbert Schreiber (Hg.): Anna Politkowskaja. Chronik eines angekündigten Mordes. Wieser Verlag, Klagenfurt 2007. 249 Seiten, 19,80 Euro.

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