Literatur : „Weißt du jetzt, was Schmerzen sind?“

Geliebtes, dunkles Land: Olaf Ihlaus und Susanne Koelbls einzigartiges Buch über Afghanistan. Die beiden Autoren offenbaren einen intimen Blick in das unbekannte Land. Ihr Buch regt zum Nachdenken an.

Hans Monath
Afghanistan
Golfen in Afghanistan. Einen Sprung in die Gegenwart des Westens wird es nicht geben. -Foto: AFP

Sultan Mohamed aus Kandahar muss eine schlimme Demütigung über sich ergehen lassen – und das ausgerechnet aus der Hand einer Frau. Der 25-jährige Paschtune hält es für sein gutes Recht, das Mädchen Rahima, das vor einiger Zeit mit ihm verheiratet wurde, zu schlagen, zu fesseln und einzusperren. Seine Braut ist gerade zehn Jahre alt. Und dann steht da plötzlich eine Frau in Burka vor dem Gewalttäter. Sie heißt Malalai Kakar, trägt offene Sandalen, lila lackierte Nägel sowie einen Revolver, Marke Colt. Die Mutter von sechs Kindern ist Polizeichefin der größten Stadt im Süden Afghanistans. Als Sultan Mohammed sie beschimpft, statt nachzugeben, nimmt sie ein Stromkabel und schlägt mit voller Wucht auf ihn ein: „Tut das weh“, fragt sie ihn: „Weißt du jetzt, was Schmerzen sind?“

Malalai Kakar, die Polizeichefin von Kandahar, der früheren Regierungszentrale der Taliban, ist eine der vielen Menschen, die dem Leser in dem Afghanistan-Buch „Geliebtes, dunkles Land“ begegnen und so schnell nicht wieder aus dem Kopf gehen. Das Schicksal des Mädchens Rahima, das bis zum 16. Lebensjahr nicht mehr zu ihrem gewalttätigen Ehemann zurückkehren muss, und das der Polizeichefin illustrieren das Leben von Frauen in Afghanistan anschaulicher als viele Reden deutscher Politiker, in denen es abstrakt um Frauenrechte geht.

Wie der mutigen Polizistin begegnen die Autoren Olaf Ihlau und Susanne Koelbl auch dem Präsidenten Hamid Karsai und zynischen Warlords, westlichen Militärs und freundlichen Islamisten mit blutigen Gedanken ebenso wie Opfern westlicher Bombardements oder den Elitesoldaten des deutschen Kommandos Spezialkräfte (KSK). Und weil die beiden Journalisten die stolze und gewalttätige Geschichte des Landes am Hindukusch, das Leben der Afghanen und die Mechanismen afghanischer Politik so lebendig und hautnah schildern, dass man als Leser manchmal mitten in der Szene zu stehen scheint, haben sie ein sehr bemerkenswertes Buch geschrieben.

Es ist wichtig, weil die deutsche Debatte über den Bundeswehreinsatz in Afghanistan und den Wiederaufbau des Landes in der Regel neurotisch selbstbezogen verläuft: Oft verstellen eigene politische Wunschbilder oder Parteivorlieben den Blick auf die afghanische Wirklichkeit. „Geliebtes, dunkles Land“ nimmt den Leser mit in die manchmal grausame, oft schwer erträgliche Gegenwart eines geschundenen Landes.

Deutlich wird zuallererst, dass westliche Wertvorstellungen vielleicht ein gutes Gewissen garantieren und im Bundestag Mehrheiten organisieren helfen, mit dem Leben und den Traditionen der Mehrheit der Afghanen aber herzlich wenig zu tun haben. In diesem Land gelten andere, eigene Gesetze.

Deutlich wird auch, wie gleichgültig und wankelmütig der Westen in den vergangenen Jahrzehnten mit Afghanistan umgegangen ist. Da ist etwa der skrupellose Warlord Hekmatjar. Der für unzählige Gewalttaten verantwortliche Islamist wird heute von den USA als Top-Terrorist gesucht. Tatsächlich war er während der sowjetischen Besatzung seiner Heimat einer der wichtigsten Verbündeten der CIA, bevor er sich gegen seine amerikanischen Gönner wandte.

Die internationale Gemeinschaft hat bei ihrem Kampf um Afghanistan viele Fehler gemacht, wie Ihlau und Koelbl zeigen. So beschränkte sich die internationale Schutztruppe Isaf zunächst nur auf die Hauptstadt, statt Sicherheit in die Provinz zu exportieren. Wegen des Irakkriegs zogen die Amerikaner Kräfte und Spezialisten aus Afghanistan ab. Und vor allem gelang es nicht, das Leben der Afghanen entscheidend zu verbessern. Im Armenhaus des Landes, im Süden, kümmerte sich lange niemand um den Wiederaufbau. Ganz zu schweigen von einer Kriegsführung mit Kampfflugzeugen, die oft Unschuldige trifft. Es fehlt eine gemeinsame Strategie, die vor allem auch die Regionalmächte Indien und Pakistan einbezieht, das den wieder erstarkten Taliban als Rückzugsraum dient.

Nicht immer entgehen die Autoren der Gefahr, die ohnehin komplizierten Verhältnisse in Afghanistan noch mit Dramatik aufzuladen, indem sie besonders drastische Bilder und Formulierungen wählen. „Niemals konnten fremde Mächte die Bergstämme am Hindukusch auf Dauer beherrschen“, heißt es da: „Der Boden der nordafghanischen Tiefebene ist blutgetränkt.“ Trotzdem vermitteln ihre Reportagen und Analysen die Wucht, die jeder spürt, der das landschaftlich atemberaubende Land zum ersten Mal besucht. In seiner Verschränkung von unmittelbarer Anschauung und analytischer Tiefe ist dieses Buch über Afghanistan momentan einzigartig.

Im Hinblick auf die Chancen des internationalen Engagements am Hindukusch stimmt die Lektüre wenig optimistisch. Das Scheitern aller Invasionsmächten in der Geschichte Afghanistans, die fast dreißigjährige Gewalterfahrung seit der Invasion der Sowjets 1979 und die tiefen Spaltungen der afghanischen Gesellschaft haben in manchen Provinzen Verhältnisse geschaffen, die an das Elend und die Verwüstung des 30-jährigen Krieges in Deutschland erinnern. Einen Sprung in die Gegenwart des Westens wird es für das Land nicht geben, allenfalls eine Stabilisierung auf niedrigem Niveau, die verhindert, dass es wieder zur Terrorbasis wird. Auch wegen dieser für jeden Befürworter des Bundeswehreinsatzes sehr unbequemen Argumente gilt: Wer Afghanistan verstehen will, kommt an diesem Buch kaum vorbei.





– Susanne Koelbl und Olaf Ihlau:
Geliebtes, dunkles Land. Menschen und Mächte in Afghanistan. Siedler Verlag, München 2007. 304 Seiten, 22,95 Euro.

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