Literatur : Wie wir klingen

Der Philosoph Albrecht Wellmer untersucht, ob Neue Musik den Charakter einer Sprache hat.

Angelika Brauer
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Die Sprache gehört zu uns Menschen, von Anfang an. Kein anderes Tier hat einen Code entwickelt, der so vielseitig ist. Unser Sprachvermögen erlaubt es, fast alles ausdrücken, sagen, mitteilen zu können. Wie weit reicht es? Bis in die Musik hinein, weil kein Satz ohne Melodie gesprochen wird? Und weil Musik, ohne eigentlich sprachlich zu sein, trotzdem zu uns spricht? Bringt sie etwas zum Ausdruck, was in der Alltagssprache unsagbar ist?

Der Philosoph Albrecht Wellmer hat diesen Fragen ein Buch gewidmet. Ihm geht es um den Punkt, an dem der „Sprachtopos“ der Musik neue Kontur gewinnt: Gibt es denn nicht, so fragt er den hoffentlich kenntnisreichen Leser, spätestens seit der seriellen und postseriellen Musik, seit Varèse, Xenakis und Cage, auch eine Emanzipation der Musik – „hin zur reinen Materialität des Klangs und seiner strukturellen Organisation, eine definitive Abkehr von der Sprachlichkeit“? Dieter Schnebel sehe in dieser Emanzipation eine Befreiung. Adorno dagegen beharre auf einem Moment der Sprachähnlichkeit; andernfalls verkomme Musik zu einem sinnlosen Kaleidoskop der Klänge.

Wellmer, der dieser Kontroverse mit akademischer Sorgfalt nachgeht, gibt zu, auch er selbst halte an einem Sprachbezug fest. Gerade das ist sein Anliegen: Er will klären, wann zu Recht von einer Sprache der Musik die Rede ist, um den „Sprachtopos“ auch für die Neue Musik zu retten.

Wer ihn dabei begleitet, entdeckt, dass er noch ein weiteres Projekt verfolgt. Bereits in der Einleitung kündigt er an, dass er zwar mit Adorno argumentieren, über dessen Musikphilosophie aber hinausgehen will. Deren Grenzen sieht er in einem latenten Traditionalismus, der auf die Musiklinie von Beethoven bis Schönberg fixiert sei. Bei Adorno bekanntlich ohne Zugang zum Jazz, aber auch ohne die Bereitschaft, sich auf außereuropäische Strömungen Neuer Musik vorurteilsfrei einzulassen.

Etwas Eigenes, etwas Neues und Bedeutsames. Das sind die Kriterien, mit denen Wellmer im Zuge einer verwinkelten Beweisführung den Sprachbezug Neuer Musik zu legitimieren versucht. Ersteres ist leicht nachvollziehbar, denn etwas Eigenes und Individuelles entsteht geradezu notgedrungen: Die Befreiung von tonaler Ordnung ist für den Komponisten mit der Nötigung verbunden, „die je eigene Sprache zu finden“. Wenn das gelingt, und aus der Sicht des Autors dürfen beispielsweise Webern, Messiaen, Nono, Kurtág und Lachenmann davon ausgehen, steht auch bereits fest, dass ihre Werke „etwas Neues und zugleich Bedeutsames“ zeigen. Bester Beweis: Sie provozieren mit der Frage „Was ist das?“ einen Verstehenswunsch, mit dem sich das Deuten bereits ins Zuhören mischt.

Wohlgemerkt lautet die Frage „Was ist das?“ und nicht „Was soll das?“. Der heikle Punkt, ob das, was als Neue Musik geboten wird, überhaupt Kunst, und wenn ja, so gut ist, dass sich die Auseinandersetzung lohnt, interessiert Wellmer nicht. Hier bleibt er ganz in Adornos Spur. Auch für ihn gilt dessen anspruchsvoller Kunstbegriff. Demnach ist Kunst nur Kunst, wenn sie gelungen ist. Und weil nur gelungene musikalische Kunstwerke uns so erreichen, dass der Prozess der Auseinandersetzung zustande kommt, wird alles ignoriert, was vielleicht nur gut unterhält.

Immerhin bekennt Wellmer, dass etwas Affektives und Sinnliches auch für ihn unverzichtbar zur Musik gehört. So schildert er in einer der wenigen persönlichen Passagen, wie er morgens oder abends im Halbschlaf nur ein paar Takte aus dem Radio hört – und plötzlich „elektrisiert“ ist von einer Musik, die „Funken schlägt“. Weil solche Augenblicke jedoch „nicht allein schon eine genuin musikalische Erfahrung ausmachen“, zu der vielmehr auch ein „reflexives Moment“ gehört, wird die kurzzeitige Entrückung in der Regel zum Auftakt geduldiger Deutungsarbeit, die nach den treffenden Worten sucht.

Der Philosoph, dem das Unerreichbare der Sache und das Unendliche der Debatten vertraut sind, zieht bei dieser Gelegenheit den Vergleich mit der eigenen Zunft heran. Das aber nur, um klar zu unterscheiden: Das musikalische Werk ist nicht wie die Idee der Wahrheit oder der Freiheit. Es ist, indem es komponiert und aufgeführt, gehört und interpretiert wird. Es ist „prozessual“, sein Sein ist ein Werden. Nicht zuletzt mit dieser leitmotivisch wiederkehrenden Aussage schließt Wellmer sich wieder Adorno an: Jedes musikalische Werk ist geschichtlich. Es hat einen „Zeitkern“. Und wenn es nichts mehr zu sagen hat, kann es auch sterben.

„Resultate sind wie der Tod. Uns interessieren vielmehr die Dinge, die sich in einem Prozess befinden.“ Wellmer zitiert John Cage, der mit „Prozess“ keine vertraute Entwicklung der Töne meint, sondern zufällige Operationen mit Klangmaterial, die befremden und aufhorchen lassen: Was könnte das sein?

Wenn er selbst interpretiert, was die Werke dieses Komponisten sagen wollen, begreift man etwas von dem, was der Autor grundsätzlich von Neuer Musik erwartet: Dass sie ihren Sprachbezug beweist, indem sie etwas Neues und Bedeutsames zeigt – das unsere Wirklichkeit betrifft. Das heißt, dass sie politisch wird. Sie sollte die eingefahrenen Bahnen der Wahrnehmung durchkreuzen und unsere Perspektiven erweitern. Cage leiste das. Kompromisslos lenke er den Blick auf die Wirklichkeit: „Ihm geht es um eine Veränderung der Gesellschaft hier und jetzt und nicht um einen ins Unendliche verschobenen Fluchtpunkt der Geschichte wie Adorno.“

Das versteht man. Und ist doch enttäuscht. Man hat ein Buch für Eingeweihte gelesen. Aber die Wahrheit der Wirklichkeit, die der Autor mit dem Sprachbezug Neuer Musik verbindet, geht alle an. Sie müsste herausgeholt werden aus der „Ghetto-Existenz“, von der Wellmer spricht, ohne einen Beitrag zu ihrer fälligen Befreiung zu leisten.


Albrecht Wellmer: Versuch über Musik und Sprache.
Carl Hanser Verlag, München 2009.
320 Seiten, 21,50 €.

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