Literaturbetrieb : Das große Auspreisen

Gerrit Bartels hat seinen Spaß mit der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Gerrit Bartels

Ulrich Peltzer. Antje Rávic-Strubel. Ulf Erdmann Ziegler. Michael Kleeberg. Monika Maron. Georg M. Oswald. Sechs deutschsprachige Autorinnen und Autoren, die in diesem Jahr anständige bis gute Romane veröffentlicht haben. Niemand müsste sich schämen oder ein böses Buh rufen, stünden sie mit ihren Büchern auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis 2007. Doch Pustekuchen. Keiner von ihnen hat es geschafft, nicht einmal auf die zwanzig Autoren und Bücher zählende Longlist. Von dieser filterte die Jury sechs andere: Martin Mosebach, Thomas Glavinic, Michael Köhlmeier, Katja Lange-Müller, Julia Franck, Thomas von Steinaecker. Und sofort setzte es Hiebe. Die „Welt“ wollte nicht glücklich werden mit dieser Liste und verfasste eine Ersatzliste. „Literaturen“-Chefin Sigrid Löffler beanstandete im Deutschlandfunk fehlende „Literaturqualität“ und moserte über die Jury-Zusammensetzung: Buchhändler und Schriftsteller hätten hier nichts zu suchen.

Besser geht es nicht. Diese Jury hat alles richtig gemacht. Was wäre so eine Entscheidung ohne Schelte? Der Deutsche Buchpreis, 2005 erstmals ausgelobt, um ein großes Publikum für deutschsprachige Literatur zu interessieren, gar Bestseller zu produzieren, und um international Aufmerksamkeit zu wecken (so wie Booker-Prize und Prix Goncourt), dieser Buchpreis sorgt nicht zuletzt dafür, dass sich der Literaturbetrieb das Maul zerreißt, dass er sich seiner selbst vergewissert, auch um der Unterhaltung willen.

Denn offensichtlich ist: Wenn sich eine siebenköpfige Jury nur schwer auf ein Buch des Jahres einigen kann, wie soll das erst bei den vielen kommentierenden Kollegen außerhalb sein? Zumal „literarische Qualität“ ein weites Feld ist. Und zumal es in einer Jury immer darum geht, wer am lautesten spricht, wer zu trommeln versteht, wer die besten Argumente hat, aber auch, welche Befangenheiten sonst noch so da sind. Geschmack spielt eine Rolle bei der Entscheidungsfindung, ja, manchmal reicht es, sich eine Nacht mit einem Buch blendend amüsiert und die literarische Qualität außer Acht gelassen zu haben. Dazu kommen betriebsinterne Rücksichtnahmen, persönliche Beziehungen, strategische Überlegungen. So war es 2005 schwer, Daniel Kehlmann auszuzeichnen. Dessen Buch war ja schon ein Bestseller. Also wurde der unbekanntere Arno Geiger gewählt. Ingo Schulze bekam dieses Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse (mit Löffler in der Jury) für den Erzählband „Handy“ vor allem, weil man ihm 2006 nicht den Deutschen Buchpreis verliehen hatte für seinen Roman „Neue Leben“. Der war da nämlich schon fast ein Jahr alt, der wurde 2005 kurz nach der Frankfurter Buchmesse veröffentlicht. Daher kam er aber auch nicht für den Buchpreis 2005 infrage. Auch an Großschriftstellern und frischen Büchner-Preisträgern wie Wilhelm Genazino, Martin Walser oder dieses Jahr Martin Mosebach kann keine Jury vorbei, wenn diese neue Romane vorlegen. Sie zieren Longlist wie Shortlist, ihre literarische Qualität ist gewissermaßen amtlich verbürgt.

Mehr aber nicht: Sicher wie sonst nur wenig ist, dass wie Walser und Genazino auch Mosebach den Preis nicht bekommen wird. Als Büchner-Preisträger haben er und sein (im Übrigen schrecklich pseudoleichter, komisch betulicher) neuer Roman genug Aufmerksamkeit. Das Gießkannenprinzip dieses Buchpreises sieht jemand anderen vor. Außergewöhnlich unproporzig ist jedoch, dass drei der sechs Bücher der diesjährigen Shortlist bei Hanser erscheinen. Das kann bedeuten: kein Hanser-Preisträger. So lässt sich herrlich weiter spekulieren: Katharina Hacker war Preisträgerin 2006, also gehen Julia Franck und Katja-Lange Müller leer aus, ein Mann ist dran. Bleibt Thomas von Steinaecker. Aber ist der nicht Debütant und viel zu jung? Und war der Preis für Hacker zwar mutig, so dürfte ihr manieriertes, verstrupptes Generationenporträt „Die Habenichtse“ manchen Bestsellerkäufer misstrauisch gemacht haben. Also Glavinic, also doch Hanser? Glavinics Buch macht am meisten Laune, steht aber unter dem Verdacht, zu wenig literarisch zu sein, gar ein eigenes, subversives Spiel mit dem Buchpreis zu spielen. So bleiben bis zur Preisverleihung am 8. Oktober und vermutlich auch danach viele Fragen offen. Hauptsache, es macht Spaß.

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