Literaturbetrieb : Der große, kleine Marcel

Gerrit Bartels über Langeweile, Literatur und Literaturkritik. An was misst man Langeweile eigentlich?

Gerrit Bartels

Stöbert man auf den Online-Seiten des „Spiegel“ herum, zum Beispiel auf der Suche nach Rezensionen neuer Bücher, fällt dort ein Sprüchlein ins Auge, das ein „Spiegel“-Redakteur als sein Motto ausgibt: „Literatur darf alles – nur nicht langweilen.“ Im Prinzip ist dagegen nichts einzuwenden, bei aller Wohlfeilheit dieses Sprüchleins. Genauso gut könnte man ja sagen: „Literatur darf alles – nur nicht schlecht sein.“

Allerdings ist es mit der Verbindung Literatur und Langeweile doch wieder so eine Sache: Warum soll Literatur eigentlich nicht auch langweilen? Zumindest führt Langeweile an Literatur heran, und sie ist auf Produzentenseite eine gute Voraussetzung für Kreativität. Und erinnert man sich einmal daran, wie seinerzeit die Lektüre von Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ vonstatten ging, weiß man: Diese hatte mitunter was Zähes. Besonders durch den dritten Teil, durch die Bände von „Die Welt der Guermantes“, die über Hunderte von Seiten nur aus Gesprächen auf einer Soirée bestehen, musste man sich richtiggehend durchbeißen. Die Langeweile war natürlich konstituierend für diesen Band von Prousts Romanwerk, sie musste sich vermitteln. Hätte man da einfach abbrechen sollen? Die Belohnung für das Durchhaltevermögen wartet ja in den folgenden Bänden, Langeweile ist hier ein Fremdwort, wiewohl „Sodom und Gomorrha“ oder „Die Entflohene“ auch nicht mit Prädikaten wie „spannend“ oder „unterhaltsam“ bezeichnet werden können. Insofern stellt sich das mit der Langeweile noch ganz anders dar: An was misst man sie eigentlich? Gibt es dafür ein Kriterium? Ist sie nicht höchst subjektiv? Und wie langweilig erst Krimis sein können, Krimis aus Skandinavien, von Hakan Nesser oder Henning Mankell! Diese verkaufen sich aber überaus gut, es muss also viele Menschen geben, die sie nicht langweilig finden.

Überhaupt Bücher, die auf den Bestenlisten stehen: Für, sagen wir, Proustianer verkörpern sie die Langeweile in Reinkultur. Wobei man schon länger bei einem sehr großen Teil der Bücher in den Top  20 im emphatischen Sinn nicht mehr von Literatur sprechen kann. Vielleicht naht da jetzt die Rettung in Form einer neuen Literatur- (oder besser doch: Bücher- ?) Sendung im ZDF, die es seit letzten Freitag in der Nachfolge des Literarischen Quartetts und von Elke Heidenreich gibt: „Die Vorleser“. Die Erwartungen an die Moderatoren Amelie Fried und Ijoma Mangold sind hoch, und wenn Mangold sagt: „Es wäre schön, wenn wir mit unserer Sendung das Gesicht der Bestsellerlisten verändern könnten“, schwingt der Anspruch mit, auch Einfluss nehmen zu wollen auf das Leseverhalten: Per Olov Enquist vor Stephenie Meyer, Alice Greenway vor Sarah Kuttner, das wäre was! Dabei dürften Mangold und Fried zunächst genug damit zu tun haben – das ließ sich am Freitag gut sehen –, ein eigenes Profil zu entwickeln, auf dass sie in der halben Stunde, die sie haben, nicht gleich die Literaturwelt verändern oder wenigstens den Bestsellerlisten ein anderes Gesicht geben, sondern gute Fernsehunterhaltung liefern, mithin also nicht langweilen. (Was sie nicht taten.) Denn der Zuschauer will zwar Orientierung, aber Zuschauer gerade von Büchersendungen sind oft schon orientiert und wollen ihren Spaß. Und wenn Mangold und Fried sich dann noch an die Vorgabe von zwei großen Altvorderen halten, und nicht nur sie, kann wirklich alles nur gut werden.

Für den Literaturkritiker Günther Blöcker sollte die Literaturkritik kein „beschwipstes Bedichten der Dichtung“ sein, „sondern die gelassene Anwendung eines gesunden literarischen Sinns, in welchem Wissen und Intuition einander produktiv begegnen, wägende Kennerschaft und Begeisterungsfähigkeit, Nüchternheit und kritischer Zorn, das Bewußtsein der Jahrtausende und das Bewußtsein der Gegenwart“. Kürzer brachte es der englische Dichter T. S. Eliot auf einen Nenner: Der Zweck von Literaturkritik bestehe darin, „das Verständnis der Literatur und die Freude an ihr zu fördern“. Und dazu gehört natürlich auch die Erörterung, welche Funktion die Langeweile in der Literatur hat.

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