Literaturbetrieb : Die große Rührung

Gerrit Bartels misstraut der Literaturpreisinflation in Deutschland.

Wilhelm Genazino ist selbst noch ganz baff, auch Tage nach der Verleihung des Kleist-Preises. Vor Rührung und „Dankbarkeitsüberflutung“ hatte er im Berliner Ensemble nicht gleich mit seiner Dankrede beginnen können und sich auf der Bühne zwei Minuten der Einkehr erbeten. „Das ist mir noch nicht passiert, ich habe keine zwingende Erklärung dafür“, so Genazino. Man glaubt ihm das sofort, hat er doch bereits viele Auszeichnungen erhalten. 2004 erhielt er den wichtigsten Literaturpreis in Deutschland, den Georg-Büchner-Preis, und auch sonst ist sein Preiskonto beachtlich: u. a. Bremer Literaturpreis (1990), Berliner Literaturpreis (1996), Literaturpreis der Bayrischen Akademie der Schönen Künste (1998).

Es ist fast enttäuschend, dass er als Preis-Routinier nicht gesagt hat, jeder Literaturpreis würde ihn umwerfen oder tagelang nicht schlafen lassen. Denn Genazinos Rührungsanfall passt so gar nicht zum Literaturpreiswesen in Deutschland, wo sich ein Autor oder eine Autorin mit einem oder zwei veröffentlichten Büchern schon dumm anstellen muss, um keinen Preis zu bekommen. Literaturpreise gibt es inflationär, pro Tag mindestens zwei, die Zahlen schwanken zwischen achthundert bis über tausend im Jahr, ob nun evangelische, von der Stadt Bremen, von „Brigitte“ oder irgendeiner Sparkasse. Das hat seine Tücken. Die Literaturpreisinflation erfüllt so allein ökonomische Zwecke – Geld (oder auch 111 Flaschen Riesling für den Rheingau Literaturpreis, die letztes Jahr der Biertrinker Clemens Meyer empfing) bekommt fast jeder Autor gern.

Aber wer hat zuletzt den Joseph-Breitbach-Preis gewonnen, den mit 50 000 Euro höchstdotierten Literaturpreis der Republik? Wer den Heinrich-Böll-Preis der Stadt Köln? Wüsste jemand was vom Heinrich-Heine-Preis, hätte es letztes Jahr nicht die Aufregung um Peter Handke gegeben? Es regiert da das große Egal. Insofern geht das Sehnen erfolgreicher Autoren ausschließlich in Richtung Büchner-Preis. Dieser verheißt Ewigkeit, kurzfristige zumindest, falls es das gibt. Walter Kempowski hatte am Ende seines Lebens seinen Frieden mit dem ihn lange Zeit meidenden etablierten Literaturbetrieb der Bundesrepublik gemacht. Nur dass er den Büchner-Preis nie bekommen hat, war für ihn bis zuletzt eine Schmach.

Welcher der zweitwichtigste Preis in der Republik ist, darüber streiten sich die Gelehrten: Bremen? Kleist? Heine? Hesse? Fried? Sachs? Oder gar der Deutsche Buchpreis? Dieser garantiert kurzfristig allerhöchste Aufmerksamkeitswerte (und Chartnotierungen) und hat den Vorteil, dass die Autoren keine Dankrede halten müssen, dem Short-List-Wettbewerb sei Dank. Es reicht zu sagen, tief gerührt zu sein und besonders den Mitkonkurrenten den Preis von Herzen gegönnt zu haben.

Die Kehrseite der Preise sind die oft verunglückten Dankreden. Leicht fallen sie, so sie sich auf einen Klassiker beziehen. Schwerer wird es, eine auf ein Land, eine Sparkasse oder eine Zeitung zu halten. Neulich wirbelte Ingo Schulzes Dankrede für den jungen Thüringer Literaturpreis Staub auf. „Mich stört“, so Schulze, „dass ich über Eon nachdenken muss, wenn ich den Thüringer Literaturpreis annehmen will.“ Dieser mit 6000 Euro dotierte Preis wird von dem Stromkonzern finanziert. Anstatt den Preis zu verweigern, erhob Schulze gut gemeint den Zeigefinger und beklagte (bewusst?) blauäugig die Ökonomisierung der Kultur.

Daniel Kehlmann zog sich dagegen eleganter aus der Affäre, als er vor kurzem den Literaturpreis der Zeitung „Die Welt“ entgegennahm. Er hielt eine witzige Rede darüber, wie er wurde, was er ist (was soll er groß zur „Welt“ sagen?), um dann, er ist inzwischen Auflagenmillionär, seine 10 000 Euro Preisgeld der Organisation „Mediziner ohne Grenzen“ zu überlassen. Dass er gerührt war, ließ sich, wie bei Schulze in Weimar, nicht erkennen. Zumal „Literarische Welt“-Herausgeberin Rachel Salamander in ihrem Grußwort den Laudator Hellmuth Karasek länger vorstellte als Preisträger Kehlmann.

Vielleicht braucht es ja Musik. Wilhelm Genazino ist nämlich doch noch ein Grund für seinen Rührungsanfall eingefallen: „Die Mozart-Einspielung bei Ulrich Matthes’ im übrigen unglaublich guter Laudatio war äußerlich hilfreich. Das ging ins Herz. Und ins Knie. Ich fühlte mich auf einmal so sonderbar schwächlich.“

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