Literaturfestival : Stichwort: Mandel

David Grossman eröffnet das Literaturfestival Berlin – und Bernd Neumann sorgt für eine Überraschung.

Gregor Dotzauer

BerlinLuz – zu Deutsch: Mandel – heißt der winzige Knochen, der einer jüdischen Überlieferung nach in der Nähe des Atlaswirbels die seelische Essenz eines Menschen speichert. Was immer man dem Körper antut, ob man ihn zerschmettert, verbrennt oder auch nur die Natur ihr Verrottungswerk vollziehen lässt – der Knochen bleibt unversehrt. Er ist der Stoff, aus dem der auferstandene Mensch seine Einzigartigkeit zurückgewinnt. Wenn es sich bei diesem Luz auch nur um eine Fiktion handelt, so ist dieses Verbindungsstück zwischen materiellem und spirituellem Dasein doch eine notwendige Fiktion: jeder beliebigen Körperfaser zuzuordnen und keiner. Denn als Idee, die man nicht einmal theologisch betrachten muss, bürgt sie dafür, dass jeder Mensch sich in seiner unverwechselbaren leibseelischen Identität wahrnehmen kann und nicht als Teil einer viehischen Masse. Sie enthält den Keim zu einer Begründung, warum Menschen einander nicht einfach abschlachten dürfen – und warum es so etwas wie ein Gewissen gibt. Und weil es eine Idee ist, betrifft sie auch und vor allem das Medium, in dem sich Menschen darüber miteinander verständigen: „die Sprache des Einzelnen und die Sprache der Masse“, wie sie der israelische Schriftsteller David Grossman in seiner Eröffnungsrede zum 7. Internationalen Literaturfestival Berlin (ilb) im Haus der Berliner Festspiele gegenüberstellte.

Grossmans Vortrag war ein bewegender Versuch, einem Diktum von Stalin humanistische Kontur zu geben, demzufolge der Tod eines Einzelnen „eine Tragödie, aber der Tod von Millionen nur eine Statistik“ ist. Genau in seinen Erinnerungen an das ängstliche, die Schoah nie offen adressierende Nachkriegswispern seiner jüdischen Eltern über die Barbarei „dort drüben“ – für Nichtjuden gehörte sie einem abgeschlossenen „Damals“ an – entwickelte er mit einem Exkurs zur Ermordung des polnischen Schriftstellers Bruno Schulz eine Poetik seines Schreibens, wie er sie in seinem bekanntesten Roman „Stichwort: Liebe“ umzusetzen versuchte. Nicht falsch, in ihrer schwammigen Allgemeinheit aber allzu billig und gefällig dann Grossmans Kritik an der Vulgarität der „Massenmedien“. Sie mündete in eine Apotheose der Literatur, deren Geheimnis darin bestehe, dass sie uns aus der „Statistik der Millionen“ befreit und stattdessen den Einzelnen, von dem eine Geschichte handelt, in den Vordergrund rückt, zusammen mit dem „Einzelnen, der diese Geschichte liest“.

Die kulturpolitische Überraschung des Abends enthielten die dürren Begrüßungsworte von Kulturstaatsminister Bernd Neumann. Das ilb, schon in den letzten drei Jahren bei den freundschaftlich kooperierenden Berliner Festspielen untergebracht, soll dort künftig neben Theatertreffen und Musikfest eine institutionalisierte Heimstatt bekommen. Und: Auch das von der Literaturwerkstatt alljährlich im Juni veranstaltete Poesiefestival soll dort auf Dauer angesiedelt werden. Von dieser Nachricht waren sowohl Joachim Sartorius, der Intendant der Festspiele, wie Berlins Staatssekretär für Kultur, André Schmitz, überrascht. Die Erleichterung, endlich eine Bestandsgarantie für das ilb vor Augen zu haben, das bisher Jahr für Jahr neu um Gelder betteln musste, hält sich die Waage mit dem absehbaren Ärger, zwei Festivals aufeinander abzustimmen, ja womöglich zu fusionieren. Ulrich Schreiber, Leiter des ilb, und Thomas Wohlfahrt, Chef des Poesiefestivals, einander in inniger Abneigung zugetan, werden sich wohl oder übel zusammenraufen müssen. Der erste Protest der Literaturwerkstatt ließ nicht lange auf sich warten. In einer Presseerklärung heißt es: Das Herauslösen des Poesiefestivals aus der Gesamtkonzeption der Literaturwerkstatt mit dem Zebra Poetry Film Award und der lyrikline.org „würde die gesamte Statik des entstehenden Gebäudes zum Einsturz bringen und jahrelange Aufbauarbeit zunichtemachen“. Das Risiko, dass hier einer verliert, ist aber nicht in jedem Fall größer als die Chance, dass zwei gewinnen im Namen eines Dritten – des Luz der Literatur.

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