Literaturforum : Whisky!

Von seinen Statements lässt man sich gern das Hirn durchlüften: Ein Brecht/Müller-Abend mit René Pollesch

Christine Wahl

Die Kapitalismuskritik im Mainstream Theater, sagt René Pollesch, weise ein Einheitsmerkmal auf: Sie sei von links bis rechts konsensfähig. Schuld daran ist laut Pollesch vor allem jene „moralische Empörung, die man normalerweise Subtext nennt“ – und die jegliches Konfliktpotenzial im Parkett irritationslos entsorgt.

Pollesch-Statements haben mindestens zwei gute Eigenschaften. Erstens lässt man sich von ihnen gern das Hirn durchlüften. Zweitens können sie hervorragend für sich allein stehen und variable Kontexte aufmotzen. Die Aufgabe der Moderatoren Frank Raddatz und Harald Müller im Literaturforum im Berliner Brecht haus bestand nun darin, den Podiumsteilnehmer Pollesch an Bertolt Brecht oder/und Heiner Müller zu binden. Denn die Veranstaltungsreihe, bei der in den nächsten Wochen auch noch Rimini Protokoll oder Dimiter Gotscheff zu Wort kommen, heißt „MüllerBrechtTheater“.

„Verfremdung und jetzt?“, so der Titel des Abends. Gute Frage. So buchstäblich, wie ihr die Diskussion in ihrer Ratlosigkeit gerecht wurde, hätte sich das keiner ausdenken können! Die Kombination Pollesch/Brecht/Müller geht ja im Prinzip genauso wie Pollesch/Derrida/Butler oder Pollesch/Nao mi Klein/Josef Ackermann. Oder Brecht/ Müller und – sagen wir Jan Bosse. Man muss aber mildernde Umstände geltend machen. Die türkische Autorin und Regisseurin Sahika Tekand musste wegen eines Bühnenunfalls kurzfristig absagen. Dass der Ersatzmann, der 1936 in Damaskus geborene und seit den Sechzigern in Leipzig lebende Schriftsteller Adel Karasholi zwar irgendwann mal in der DDR Theaterwissenschaften studiert und über Brecht promoviert, sich inzwischen aber mehr der Lyrik verschrieben hat, förderte nicht gerade die Fokussierung des ohnehin weiten Feldes.

Karasholi trug ein Liebesgedicht namens „Dialektik“ vor, mit dem er in seiner Jugend eine Frau beeindrucken wollte – und weitere an Brecht geschulte Gedichte aus seinem Lyrik-Band „Also sprach Abdulla“ (Pollesch/Nietzsche wäre natürlich auch gegangen!). Als Nächstes erzählte Pollesch, was ihn während seines Studiums in Gießen an Brecht und Müller so interessierte. Der Brecht’sche Anti Dienstleistungs-Lehrstück-Gedanke vom Theater ohne Publikum. Und bei Gastprofessor Müller die Frage, wie er dessen geleerte Whiskyflasche als Devotionalie von der Probe schmuggeln könne.

Dies ereignete sich zu einem frühen Zeitpunkt des Abends, da Brecht und Müller noch als halbwegs eigenständige Persönlichkeiten betrachtet wurden. Später sollten die Dramatiker ähnlich diffus zu einer Figur verschmelzen, wie sich Ost- und Westrezeption, Lyrik und Dramatik, Anekdote und Theorie zum Hintergrundrauschen verdickten, vor dem dann Argumente à la „Wir müssen die Dialektik metaphorisch aufrollen“ oder „Ich betrachte das Unterbewusstsein als Teil des Adressatenbezugs“ in Stellung gebracht wurden. Dass zwei Menschen derart ohne jede mathematische Berührungswahrscheinlichkeit aneinander vorbeiredeten wie Pollesch und Karasholi, machte den Abend zudem zum echten Kommunikationskunstwerk. 

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