Literaturkritik : Kultur ist, wofür sich zu sterben lohnt

Der Literaturwissenschaftler Terry Eagleton plädiert in Berlin für die Ernsthaftigkeit von Kritik.

Thomas Wild
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Terry Eagleton

Zahnschmerzen oder Hundekrankheiten sind echte Probleme. Doch über so reale Dinge wollen Literaturkritiker meist nicht schreiben. Sie vertiefen sich lieber in erfundene Gestalten von Ödipus bis Harry Potter und ziehen eine Lektüre von Joseph Conrads „Herz der Finsternis“ einer wirklichen Reise nach Afrika vor. Hier, im Lesesessel, lauert der „Tod der Kritik“, meint Terry Eagleton, einer der renommiertesten literary critics der englischsprachigen Gegenwart, der am Montag im Großbritannien-Zentrum der Humboldt-Universität gastierte. Nichts, so Eagleton, lasse den geistigen Bankrott einer Zeit deutlicher werden, als wenn ihre klügsten Köpfe nurmehr über Bücher sprechen.

Was man im Englischen unter criticism versteht, hat traditionell zwei Aufgaben: in einem engeren Sinne die Auseinandersetzung mit Sprache und die Interpretation von Texten, vor allem literarischer Werke, also in etwa das, was man hierzulande Literaturkritik nennt. Zum anderen, so sieht es auch Eagleton, eine allgemeine Kritik der kulturellen und gesellschaftlichen Gegenwart. Hieran mangele es unserer Gegenwart eklatant, sagt er.

Damit trifft er einen entscheidenden Punkt: Wo findet die Auseinandersetzung über Grundfragen unserer Zeit eigentlich statt? Sind die intellektuellen Kräfte von der Nanophysik bis zur Queer Theory nicht so heillos spezialisiert, dass sich für übergreifende ethische und politische Fragen niemand mehr verantwortlich fühlt? Und denken wir bei „Glück“ oder „Wohlergehen“ nicht längst nur an private Gemütszustände, anstatt darunter Formen gesellschaftlichen Zusammenlebens zu verstehen? Terry Eagleton ist überzeugt, dass der Aufstieg eines hypertrophen, zusehends abstrakten Theoretisierens auch mit einem Niedergang der politischen Linken zu tun hat. Wo sind in der Ödnis der nur auf ihre GenderRelevanz abgeklopften Texte genau lesende Kritiker wie F. R. Leavis, Edmund Wilson, Susan Sontag oder Julia Kristeva geblieben?

Der 65-jährige Eagleton lehrt und hält Vorträge in aller Welt, das Zeitgeschehen von Obama bis Bin Laden kommentiert er im „Guardian“ – oder zuletzt auch in der „Zeit“. Eagletons „Einführung in die Literaturtheorie“ (1983) gehört zum universitären Kanon, die hohe Auflage geht aber auch auf die vielen außerakademischen Leser zurück. Denn seinen Büchern mangelt es weder an Witz, stilistischer Eleganz noch an grundsätzlichem Anspruch: „Was ist Kultur?“ (2001) und „Der Sinn des Lebens“ (2008) heißen zwei der jüngsten, die auch in Deutschland kleine Bestseller wurden.

Dass die großen Fragen nach Freiheit, Glaube, Lebenssinn wieder zur Debatte stehen, sieht Eagleton der neuen Unordnung nach 1989 oder 9/11 geschuldet – vorläufige Endpunkte einer langen Serie von Umbrüchen der Moderne. Intellektuelle, die in dieser Situation „Kultur“ allein mit Shakespeare, Bach oder Picasso verbänden, verstünden nicht, worum es geht. „Culture is what you kill for“, sagt Eagleton. Und für Mozart oder Thomas Mann zöge wohl niemand in den Krieg.

Es geht um Existenzielles: So weit versteht, so weit folgt man Eagleton. Denken und politische Verantwortung sind kein Kinderspiel. Aber ist es darum unmittelbar Kampf oder gar Krieg? „Der Nordirlandkonflikt drehte sich nicht um Identität oder Kultur, sondern um das Ende einer Kolonialherrschaft“, erklärt der irische Marxist. Man nickt und fragt: Aber wer behauptet denn solchen Unfug?

So ist Eagletons Art zu argumentieren: Er entwirft einen mächtigen Gegner, einen Ismus namens Postmodernismus, Kapitalismus oder Relativismus, schreibt ihm eine bedrohlich-absurde Position zu und setzt die eigene rettend plausibel dagegen. Charmant und scharf vorgetragen, verschleiert es die Falle, in die einen Eagleton lockt und in der er selber sitzt. Er entfaltet „Kritik“ nicht im Sinne des griechischen Wortursprungs als Kunst des Unterscheidens, sondern vollführt ein dialektisches Spiel, um sein Publikum auf die richtige Seite zu manövrieren. Spielerisch jongliert er mit allen möglichen Großtheorien, Konkretes oder Politisches dient bestenfalls zur Illustration.

Die Geschichte des menschlichen Wissens sei eine Geschichte des Fragenkönnens, heißt es in einem von Eagletons Büchern. Sein eigenes Fragen ist den ideologischen Kämpfen der bipolaren Nachkriegswelt verpflichtet. Ob mit den religiösen Fundamentalismen der Gegenwart eine vergleichbare Konfrontation gegeben ist? Erhält jenes Wissen neuen Wert? Selbst wem Eagletons Plädoyer für eine politische Haltung der Kritik zu Herzen geht, der wird den Eindruck nicht los, vor allem einem munter gelehrten Nachmittag, einem Akt der Selbstverständigung beigewohnt zu haben.

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