Literaturkritik : Von Wolf Schneider bis Helmut Schmidt

Denis Scheck, Literaturredakteur im Deutschlandfunk, bespricht für den Tagesspiegel einmal monatlich die Spiegel-Bestsellerliste, abwechselnd Belletristik und Sachbuch – parallel zu seiner ARD-Sendung „Druckfrisch“ (Sonntagabend 23.30 Uhr, Gäste: Arthur Bollarson, Orhan Pamuk, Reiner Stach).

Denis Scheck

10) Wolf Schneider:

Speak German! (Rowohlt Verlag, 192 Seiten, 14,90 €)

Scriptor hic prudentissimus, vir inter eos, qui sermoni germanico collendo operam dant, unos omnium maxime excellit, clare distinguere sapit, quid pure ac pulchre dici possit quidque non eta. Non autem illam intactam adque quasi virgineam linguam curat, de qua alii somniantur, sed id, ne quis germanus inconsiderate vel loquatur vel scribat. „To mixen die Sprachen“, inquit Wolf Schneider, „ist die nonsense“. Optimum, mehercle, librum!

9) Bernhard Bueb: Von der Pflicht zu führen (Ullstein Verlag, 176 Seiten, 18 €)

Eine Pflicht zu führen kenne ich offen gestanden nur von Blindenhunden. „Der Bildungsnotstand in Deutschland resultiert aus einem Mangel an Führung“, schreibt der pensionierte Internatsleiter Bernard Bueb im zweiten Aufguss seiner pädagogischen Thesen. Mir scheint eher das Gegenteil richtig: der Bildungsnotstand resultiert aus einem bedauerlichen Missverhältnis zwischen gebildeten Indianern und ungebildeten Häuptlingen.

8) Eduard Augustin, Philip von Keisenberg und Christian Zaschke: Ein Mann – ein Buch (SZ Edition, 416 Seiten, 19,90 €)

Ein Kompendium mehr oder minder nützlichen, mehr oder minder männerrelevanten Wissens: von „Wie steuere ich ein Formel-Eins-Auto?“ über „Wie werde ich katholischer Priester“ bis zu „Wie vermeide ich das Einschlafen nach dem Sex?“ Klingt albern, liest sich aber lustig.

7) Hans Joachim Noack: Helmut Schmidt (Rowohlt, 320 Seiten, 19,90 €)

Noack zitiert in seiner handwerklich sauberen Biographie an einer Stelle Marion Gräfin Dönhoff, die über ihren Kollegen bei der „Zeit“ Helmut Schmidt einmal schrieb: „… aber was ihn tief in seinem Inneren bewegt, habe ich nie erfahren.“ Genau das ist auch das Problem von Noacks Biographie – sie kommt einfach nicht nah genug an ihren Gegenstand heran und liest sich deshalb entschieden zu langweilig.

6) Hape Kerkeling: Ich bin dann mal weg (Malik Verlag, 320 Seiten, 19,90 €)

Nach 123 Wochen auf der Bestsellerliste wäre es tatsächlich schön, wenn sich diese wirre Schrift, halb Wandertagebuch, halb Esoterikfibel, endlich vom Acker machte.

5) Rhonda Byrne: The Secret – Das Geheimnis (Aus dem Englischen von Karl Friedrich Hörner, Arkana, 237 Seiten, 16,95 €)

Angeblich verrät dieses lausige Begleitbuch zu einer australischen Fernsehserie die tiefsten Mysterien esoterischen Denkens. Diese bestehen in der gewerkschaftsfeindlichen Offenbarung, dass diejenigen reichen Lohn empfangen werden, welche glauben, bereits reichen Lohn empfangen zu haben – mit anderen Worten, schön, wohlhabend und gesund wird, wer glaubt, schön, wohlhabend und gesund zu sein. Eine Zumutung.

4) Michael Winterhoff: Warum unsere Kinder Tyrannen werden (Gütersloher Verlagshaus, 190 Seiten, 17,95 €)

Der Arzt Michael Winterhoff diagnostiziert im Vokabular der Tiefenpsychologie und Psychoanalyse eine unzureichende „psychische Reife unserer Kinder“. Schon klar: Aber ist mangelnde psychische Reife nicht die Definition eines Kindes? Viele nicht nachprüfbare Fallbeispiele sollen Winterhoffs These illustrieren. Erkenntnisgewinn nach 190 Seiten: Früher war besser!

3) Richard David Precht: Wer bin ich und wenn ja wie viele? (Goldmann Verlag, 398 Seiten, 14,95 €)

Eine lockere und dabei doch ganz auf der Höhe ihrer Zeit befindliche Einführung in die Geschichte die Philosophie und Hirnforschung – das beste Gegenmittel gegen Fachidiotentum in Natur- und Geisteswissenschaft.

2) Bushido und Lars Amend: Bushido (Riva Verlag, 432 Seiten, 19,90 €)

Der zweite Satz dieses Buchs lautet: „Eines Abends setzte ich mich an meinen Schreibtisch und fing an, meine Gedanken aufzuschreiben.“ Hätte Bushido das wirklich getan, wäre dieses Buch ein Blindband geworden.

1) Helmut Schmidt: Außer Dienst (Siedler Verlag, 352 Seiten, 22,95 €)

Helmut Schmidt war Senator in Hamburg, Verteidigungs- und Finanzminister in Bonn, schließlich Bundeskanzler. Stets hat er beteuert, keines dieser Ämter angestrebt zu haben. In diesem Sammelsurium von Gedanken und Erinnerungen teilt Schmidt nicht immer stringente, aber nie belanglose Einsichten mit, die der Weisheit recht nahe kommen. Zum Beispiel: „Mein Ehrgeiz war nicht auf Ämter gerichtet, sondern auf Anerkennung – ähnlich wie ein Künstler oder ein Sportler Anerkennung durch Leistung sucht.“ Für sein neues Buch verdient Helmut Schmidt jedenfalls Applaus.

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