Literaturwettbewerb : Die Lyrik, eine Taschenlampe

Heimliche Trinker, nervöse Leiber – und ein Sieger, der sich als Lagerist durchschlägt: Berlins 15. Open-Mike-Wettbewerb.

Silja Ukena

Ritual und Avantgarde passen nicht zusammen. Letztere flieht die Formalisierung und den Akt der Wiederholung und sucht sich stets einen neuen Ort. Ersteres bleibt, wie es ist. So war beim diesjährigen Nachwuchsliteraturwettbewerb Open Mike, dem 15. seiner Art, zu beobachten, dass der Leiter der Literaturwerkstatt Berlin, Thomas Wohlfahrt, in seinen Begrüßungsreden zwar immer wieder die anwesenden Scouts, Literaturagenten und Verlagslektoren willkommen hieß. Diese jedoch waren am vergangenen Wochenende weitaus weniger prominent angereist als in den Jahren zuvor.

Nachdem der Lesewettbewerb von Medien und hoffnungsvollen Jungautoren inzwischen zuverlässig als schnelle Abkürzung, Türöffner und Top-Termin des literarischen Betriebs erkannt wurde, machen sich die so begehrten Branchenvertreter plötzlich rar. Wie auf Verabredung schickten alle ihre Stellvertreter und freien Mitarbeiter, und das lag sicher nicht am schönen Wetter.

Nun sind 15 Jahre eine lange Zeit für eine Szeneveranstaltung, und nachdem mit der Frankfurter Crespo Foundation endlich ein zuverlässiger Hauptsponsor gefunden wurde, machen sich gewisse Konsolidierungserscheinungen bemerkbar. So gab es zum Beispiel am Abend vor den ersten Lesungen ein Kolloquium über die „Langeweile als Textfigur“ mit anschließendem Kennenlernempfang. Auch wurde in der „Wabe“ in Prenzlauer Berg, wo seit 2005 das entscheidende Wettlesen stattfindet, der einen auf sich und die Literatur zurückwerfende Filterkaffee abgeschafft und durch den vermeintlich hippen, ach so beiläufigen Latte macchiato ersetzt.

Ist dies aber ein Hinweis darauf, dass die Zurückhaltung auch inhaltlich gerechtfertigt ist? Diese Frage muss man mit einem Nein beantworten. Denn auch dem diesjährigen Open Mike ist es gelungen, sich sein überraschendes Moment zu bewahren. Allerdings nicht mit der Prosa. Die zeigte sich souverän, dominiert vom vorprofessionalisierten Talent. Das Deutsche Literaturinstitut in Leipzig und andere die ästhetische Praxis schulende Einrichtungen haben mittlerweile dafür gesorgt, dass auf der Ebene kurz vor dem literarischen Debüt – und hier ist ja auch der Open Mike angesiedelt – durchweg Texte auf handwerklich ordentlichem Niveau kursieren. Manchmal freilich kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass der Gedanke an die Veröffentlichungsfähigkeit des Geschriebenen sich bereits allzu früh in den Schreibprozess eingemengt hat. Beglückende Ausschläge nach oben gab es also nur ganz, ganz wenige.

So schlug die Stunde der Lyrik. Sechs junge Dichterinnen und Dichter unter den insgesamt 21 Teilnehmern unter 35 Jahren wurden dieses Jahr erstmals von einem eigens engagierten Lyriklektor ausgewählt. Christian Döring, bis 2006 Programmleiter bei DuMont, hatte diesen Part übernommen und ging seiner Aufgabe gut gelaunt nach: „Bei oftmals blinder Prosa macht Lyrik manchmal sehend.“

Man muss kein Freund dieser Gattung sein, um mindestens dies zu sehen: Das deutschsprachige Gedicht ist wieder auf seiner Höhe. Deutlich war der dichterische Nachwuchs – die jüngste Autorin steht gerade kurz vor dem Abitur – frischer, wagemutiger, mehr bei sich selbst als das Gros der Prosakollegen. Und dies gilt auch dann noch, wenn man den Faktor des Exotischen abzieht, den diese so sehr auf die Sprache konzentrierten Wortexperimente neben klassisch erzählten Kurzgeschichten notwendig haben müssen.

Der für die Lyrik reservierte Preis, auch dies eine Neuerung des Wettbewerbs, ging schließlich an die 1980 in Anklam geborene Judith Zander. Sechs Gedichte mittlerer Länge trug sie vor, im Tonfall naturlyrischer, als es die Texte selbst tatsächlich sind. Aus Sätzen, weniger aus einzelnen Worten oder Rhythmen baut sie ihre Verse, spricht von madigen Kirschen, heimlichen Trinkern und nervösen Leibern.

Die beiden anderen Auszeichnungen vergab die mit Antje Ravic Strubel, Georg Klein und dem Schweizer Lyriker Raphael Urweider prominent und sachkundig besetzte Jury an die in Leipzig studierende 29-jährige Tina Ilse Gintrowski, die mit einer harten, schnellen Psychiatriegeschichte im Western-Stil angetreten war. Sowie an den 1979 geborenen Johann Trupp. Letzterer erhielt den ebenfalls erstmals vergebenen „taz“-Preis der Publikumsjury. Das war insofern eine schöne Entscheidung, als dass sein genau durchgearbeiteter, stilistisch entfernt an Ingeborg Bachmann erinnernder Text „Parallelgestalten“ tatsächlich derjenige war, der am meisten Talent und die Neigung zum Besonderen erkennen ließ.

Auf wenigen Seiten umreißt Trupp darin die Existenz zweier Menschen, die einander nie kennenlernen, obwohl sie eine gemeinsame, per Samenspende gezeugte Tochter haben. Es ist ein Text, der zum Nachdenken anregt über Zufall und Schicksal und die Frage, ob es in der Liebe so etwas wie Bestimmung geben kann – über Platons Kugelwesen letztlich. Der Autor selbst, Einwandererkind aus dem kirgisischen Bischkek, ist Lagerist im Großhandel und vor diesem Wochenende noch nirgendwo öffentlich aufgetreten. Auch das unterschied ihn vom großen Rest. Denn dieser war – bei aller Ungerechtigkeit, die so ein Satz beinhaltet – business as usual.

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