Literaturwettbewerb : Ingeborg-Bachmann-Preis: Kitsch oder Kunst

Am zweiten Tag des Lesewettbewerbs zeigt Klagenfurt seine schöneren Seiten. Auch im Wettstreit um den Bachmann-Preis gibt es Grund zur Freude.

David Hugendick[Klagenfurt]

Klagenfurt bietet so vieles zur Freude: die Sonne und die Kärntner Berge, den müde schwappenden Wörthersee und seine putzigen Villen. Und die Urlaubersätze, mit denen einem Kollegen begegnen. "Du musst Dir hier doch ein Fahrrad leihen!" Oder: "Geht ihr noch schwimmen?" Wahlweise auch: "Kommst Du heute abend zum Schloss?" Nach dem literarisch faden ersten Tag, beschwingen solche Kleinigkeiten den Schritt ins ORF-Studio. Zu den selben sieben Juroren. Und zu den nächsten fünf Autoren, die ihre Kurzstreckenprosa ins Ziel bringen wollen.

Vorne die Schulklassen, ganz vorn das Halbrund, bald das wohlbekannte Rascheln, als der erste Text stapelweise durchs Studio gereicht wird – gestern noch eine Drohung, jetzt wieder gern genommen. Rasch vergessen war auch Clarissa Stadlers Anmoderation, dass sich die Autoren heute ordentlich anstrengen müssten, um Michael Jacksons Tod zu überbieten. Man ist frohen Mutes.

Nein, es braucht Linda Stift, um die Stimmung fürs Erste ein bisschen zu mindern. Ihr Text Die Welt der schönen Dinge eröffnete den zweiten Tag. Ein kollektives "Wir" berichtet vom tagelangen Schleppertransport im LKW, von Pissegeruch im Dunkeln und zusammengepferchten Menschen, die still ihre Träume umklammern.

Noch am Vortag des Wettbewerbs hätte man den Mangel an Dringlichkeit beklagen können, die Glasperlenspielchen, das schulaufsatzhafte Abarbeiten an literarischen Motiven und die Geheimnislosigkeit, die ein paar der Texte hinterließen. Stifts Thema ist nun gewissermaßen richtig gewählt. Hätte sie es nicht vergraben unter aufdringlicher Moral und aktuellen, dahingeworfenen Schlagwörtern, um der Geschichte eine Gegenwartsnähe zu verleihen. Sie liest von Krieg, Verstümmelung, Mord und Finanzkrise. Die Jury ist wenig begeistert vom Text: Die Autorin habe "sich kein Bild von den Flüchtlingen gemacht". Schlicht "ärgerlich" nennt ihn der Juror Ijoma Mangold, Feuilleton-Redakteur der ZEIT. Bislang hatte die Kritik über die Literatur gesiegt.

Doch der Wettbewerb kommt in Fahrt. Zum Beispiel als Ralf Bönt einen Auszug aus seiner Novelle liest. Der Fotoeffekt ist ein faszinierender Text, der die Lebensgeschichten der Physiker Michael Faraday und Heinrich Hertz miteinander verschränkt. Wie sie forschten und forschten, ehe ihnen Quecksilberdampf den Verstand raubte. Erzählt von einem Phonon, einem Schallteilchen. Ein "tollkühner" Einfall, heißt es aus der Jury.

Bald betritt Jens Petersen das Halbrund, und vielleicht sieht das Publikum den ersten Favoriten. "Restlos begeistert", ist der Juror Alain-Claude Sulzer vom Text des 33-Jährigen aus Zürich. Als "beeindruckend" und "wild-romantisch" empfindet ihn Mangold. Auch die bisweilen leicht grantige Karin Fleischanderl lobt die Geschichte über einen Verzweiflungsmord als "sehr gut umgesetzt".

Petersen liest ebenfalls einen Auszug eines größeren Manuskripts. Womit aber nicht die erste der Klagenfurter Allejahrewiederfragen beantwortet wäre, ob das ein nun ein Vor- oder Nachteil sei. Auch die zweite altbekannte Frage stellte sich zaghaft  nach Petersens Vortrag: War das Kitsch oder Kunst? Und wo wir schon dabei sind – ergebnislos bleibt bisher auch die dritte Frage, die stets im ORF-Studio herumschwebt: Was erzählt der Bachmann-Preis über den Zustand der deutschsprachigen Literatur?

Aber es stellen sich noch andere Fragen, draußen vor dem Studio, als sich die Sitzbänke vor den Fernsehern langsam leeren und ein paar Texte im Gras liegen bleiben. Tuscheln zwei Frauen. Sagt die eine: "Meinst du, ich kann am See gleich den neuen Bikini anziehen." "Zu kalt", sagt die andere, "noch viel zu kalt".

ZEIT ONLINE

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