Littels "Die Wohlgesinnten" : Die Stimmung war nicht immer fröhlich

Aus den Memoiren eines SS-Obersturmbannführers: Warum Jonathan Littells Roman "Die Wohlgesinnten" so miserabel ist.

Gregor Dotzauer
201213_0_fa419dc7 Foto: Collection Roger-Viollet
Männerbund, Verbrecherbande: SS-Führer Heinrich Himmler (vorne 2.v.rechts) und Reinhard Heydrich (3.v.rechts) mit Offizieren. -Foto: Collection Roger-Viollet

Der Geist von knapp 1400 Seiten, reduziert auf einen Satz: „Ich habe mir oft gesagt, dass die Prostata und der Krieg die beiden Gaben sind, mit denen Gott den Mann dafür entschädigen wollte, keine Frau zu sein.“ Fast alles steckt darin, was man über den SS-Obersturmbannführer Dr. Max Aue und seine fiktiven Memoiren wissen muss: der Zynismus des Verfassers und sein Hang zu Aphorismen. Die Frauenverachtung des mutmaßlichen Muttermörders und die Idolisierung der Männerliebe, die ihn nicht davon abhält, unter einer Museumsguillotine mit seiner Zwillingsschwester zu verkehren. Die Lust, mit der er wilde Kerle vögelt oder auf Baumstämmen nackt herumrutscht. Schließlich das offenbar nicht minder physische Bedürfnis, in eine Schlacht zu ziehen, die ihn von Massenexekutionen in der Ukraine bis in den Kessel von Stalingrad und darüber hinaus führt, ohne dass er eine Sekunde an seiner großdeutschen Mission zweifeln würde. Muss man über den strapaziösen Inhalt nur ein Wort mehr verlieren?

Der auf Französisch schreibende amerikanische Jude Jonathan Littell, Jahrgang 1967, hält sich in Interviews viel darauf zugute, in seinem Roman „Die Wohlgesinnten“ die Sphären von Krieg und Holocaust literarisch vereint zu haben. Doch hat das nicht Wassili Grossman mit seinem Epos „Leben und Schicksal“, das Stalingrad, KZ und Gulag überzeugend zusammenführt, längst getan? Und handelt es sich wirklich um eine singuläre Eigenschaft der „Wohlgesinnten“, den Wahnsinn des Nationalsozialismus aus der Täterperspektive zu imaginieren?

Die Voraussetzung, dass die so genannte Opferliteratur von ihr nichts wissen will, ist zweifelhaft. Gehört es nicht zu ihren unausgesprochenen, vielleicht sogar unaussprechbaren Bedingungen, sich ins Bewusstsein der Peiniger hineinzuversetzen: auf der Ebene des täglichen Überlebens in der Notwendigkeit, das Verhalten der Unterdrücker zu berechnen, auf einer höheren, im Bedürfnis, den unbegreiflichen Hass auf die Juden irgendwie zu begreifen? Die luzide Nüchternheit von Primo Levis Auschwitzberichten und Essays ist genau dieser Anstrengung abgerungen, und dass sie letztlich stets aufs Neue scheitern muss, darin besteht ihre anhaltende Wahrheit.

Levi betreibt eine Rationalisierung des Irrationalen, die sich von derjenigen Littells grundlegend unterscheidet. Zum einen hegt Littell Aues entgrenzte Moralität mit Perversionsmustern aus der psychoanalytischen Mottenkiste sofort wieder ein. Zum anderen gönnt er seinem Ich-Erzähler kein Nachdenken über all die Erschossenen, Erhängten und Erschlagenen, die dieser unaufhörlich sieht. Es geht nicht um Empathie im Sinn von Skrupeln oder Mitleid. Es geht um den einfachsten bewussten Reflex, der einen Intellektuellen wie Aue ereilen müsste, nachdem er durch Meere von aufgeplatzten Schädeln und Gedärmen gewatet ist. Ein Funken von freimütig eingestandener Erniedrigungslust wäre schon genug. Aue hingegen, der Platons „Gastmahl“ auswendig kann und Plutarch und Tertullian im Original liest, ist sich selbst ein Buch mit sieben Siegeln. Stattdessen kotzt und scheißt er sich durch die Zeitläufte, als hätte er einen unbekannten Virus eingefangen: Der Körper nimmt auf sich, was der Geist verweigert, und nachts drückt ihn der Alp.

Bildung und Kunstbeflissenheit schützen bekanntlich nicht notwendig vor Unmenschlichkeit. Das Erhabene dient gerne der Erhebung über die Grauen dieser Welt, und das 20. Jahrhundert hat bewiesen, dass man an Nietzsche sehr wohl sein Messer wetzen kann oder dass es sich mit Hölderlin im Tornister manchmal besonders gut schießt. Soviel Abendland, wie Aue mit sich herumträgt, der in der Musik ebenso firm ist wie in der Philosophie, müsste es ihn zumindest gegen eine gewisse Gedankenlosigkeit immunisieren – was immer an Widerwärtigkeiten herauskommt. Er allerdings irrt als stählerner Tor über die Schlachtfelder: Bibliotheken im Rücken, den Wind der Verwesung im Gesicht, die nächste Latrine im Sinn.

Aue bleibt damit ein monströses Phantom im Dunkel seiner Schrecken – dem Leser so unzugänglich wie sich selbst. Zu einem neuen Blick auf die Nazi-Verirrungen jenseits von Schockeffekten trägt dies nicht bei. Im Gegenteil: Es wirft uns in ein Voodoo-Zeitalter zurück. Noch ärgerlicher wird das Ganze dadurch, dass die Stoffmassen, die Littell in fast absatzlosen Bleiwüsten ausbreitet, ein Bewusstsein von scheinbar unendlicher Erinnerungskapazität suggerieren. Es gibt kein Detail, über das Aue nicht umstandslos verfügen würde: ein allwissender Erzähler in der ersten Person, der nur in Bezug auf die eigene Seele blind und taub ist. Doch das schrankenlose Gebieten über die äußeren Vorgänge wirkt nicht weniger glaubwürdig als die Unverfügbarkeit der inneren. Nirgends stellt sich Littells Memoirenmarionette dem Problem, wie traumatische Erlebnisse erinnert werden. „Die in uns schlummernden Erinnerungen“, hat Primo Levi in „Die Untergegangenen und die Geretteten“ gemahnt, „sind nicht in Stein gemeißelt.“ In einer „paradoxen Analogie von Opfer und Unterdrücker“ kommt es auf beiden Seiten zu Verzerrungen, Verdrängungen und Glättungen.

Aue aber erzählt mit einer enzyklopädischen Gewissheit, die sich nur aus der Verwirrung zweier widerstreitender Erzählperspektiven erklären lässt. Während der Roman eine Innensicht behauptet, findet tatsächlich nur der Blick von außen statt – weil auch Littell nicht weiß, was außer Dämonie und einem überzüchteten Intellekt er diesem mörderischen Bewusstsein zuschreiben soll. Und so werden die Erinnyen, die Rachegöttinnen der entsorgten Erinnerung, die auch Primo Levi beschwört, in Gestalt von zwei Polizisten, die Aue im zerstörten Berlin verfolgen, externalisiert. Oder handelt es sich um eine große schuldbeladene Halluzination?

Littell lässt sich da kaum fassen. Es ist zu leicht, die „Wohlgesinnten“ als realistischen Roman zu lesen, obwohl er über weite Strecken mit billigen Kolportageelementen operiert. Die Mehrdeutigkeiten, die er für sich beansprucht, stammen jedoch nicht aus klarem Kunstverstand – sie sind eine obskurantistische Mogelei. Ätsch, sagt Littell, wenn ihr mir vorwerft, dass es einen Aue nie gegeben hat, denkt daran, dass ihr es mit Literatur zu tun habt. Und wenn ihr mir ankreidet, ich hätte alles nur zusammengebastelt, denkt daran, durch welche Forschungsberge ich mich gefressen habe.

Wo man die dokumentarische Seite der „Wohlgesinnten“ dingfest zu machen versucht, da wird man – nach Auftritten von Eichmann und Himmler – auf die fiktive verwiesen. Und wo man sich auf die mythologische einlässt, wird man auf die historische verwiesen. „Die Wohlgesinnten“ – im Griechischen die „Eumeniden“ als beschönigende Bezeichnung der Erinnyen – sind ein großes intertextuelles Arrangement mit der Atriden-Trilogie des Aischylos und Max Aue in der Rolle des Orest.

Littell ist einer solchen Doppelgesichtigkeit rein literarisch nicht gewachsen und die formale Anlage als musikalische Suite Blenderei. Angenommen, es wäre historisch verbürgt, dass nach einer Massenerschießung den SS-Schützen Blutwurst gereicht wurde, wie Max Aue berichtet, so gehört doch einiges Gestaltungsvermögen dazu, das über eine Pointe hinauszuheben. Vielleicht bedarf es sogar eines Sinns für Komik, der Littell völlig fehlt, um sie Erkenntnis stiftend zu zünden. Er aber unterschreitet in solchen Momenten auch das Niveau seines Erzählers. So heißt es, als Aue auf Usedom eine Verletzung auskuriert: „Die schönen jungen Männer von der Waffen-SS, die die Zimmer füllten, waren größtenteils in einem beklagenswerten Zustand: Oft fehlte ihnen ein Stück vom Arm oder Bein oder sogar der Kiefer – die Stimmung war nicht immer fröhlich.“

Etwas Entscheidendes kommt hinzu. Wenn man die „Wohlgesinnten“ als Werk einer nur in Ansätzen existierenden Täterliteratur betrachtet, müsste man hier nicht nur den Vorzug der Opferliteratur, die Perspektive der Täter mitzubedenken, als Manko diagnostizieren. Littell scheitert auch daran, die moralische Grauzone zu durchleuchten, in der Opfer mitunter zu Tätern werden und umgekehrt – ein Topos, den Warlam Schalamow in seinen Gulag-Erzählungen aus Kolyma meisterhaft darstellt.

Man stößt hier aber auch an die Grenzen von Littells Zugang. Er kommt vom Marquis de Sade, von Jean Genet, Georges Bataille und Maurice Blanchot. Anders als Wassili Grossman, der auf die „Güte“ des Menschen vertraut, anders als Levi, der ein unantastbares Humanum einklagt, interessiert er sich für jenen „Schritt des Menschen über sich selbst hinaus“, der im Blick des Pathologen liegt. Littell sieht mit Aue in jedem Anfang schon das Ende und im „verführerischen Fleisch“ eines geliebten Männerkörpers schon „einen blutigen Klumpen, eine verkohlte Masse“. Und die Judenvernichtung? Sie ist für Aue „in praktischer Hinsicht ohne Sinn und Zweck“ und dient der quasireligiösen Überschreitung in Richtung „eines endgültigen Opfers, das uns für immer zusammenschweißt.“

Littell ist unverdächtig, den Glauben an einen solchen Opfergang zu teilen. Doch allein der Blickwinkel verengt die Möglichkeiten des Erzählbaren – des Diesseitigen. Das ist die Crux dieses theoretisch überdeterminierten und literarisch hoffnungslos unterbelichteten Romans.

Jonathan Littell: Die Wohlgesinnten. Roman. Aus dem Franz. von Hainer Kober. Berlin Verlag, Berlin 2008. 1386 S., 36 €.

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