Literatur : Lockere Verstörung

Hans-Ulrich Treichel fabuliert über den „Papst, den ich gekannt habe“

Christoph Schröder

Der Mann hat fünf Studiengänge absolviert, mindestens, ist Dozent an diversen Universitäten, kennt sich ziemlich gut mit Rotwein aus, aber auch mit Kaiser- und Königsdynastien und der Kolonialgeschichte Afrikas. Er hatte Kontakt mit der Mafia, der selbstverständlich günstig für ihn ausging, und, ganz zufällig, auch mit dem Papst, in diesem Fall Johannes Paul II., dem er in einem Fahrstuhl begegnete.

120 Seiten, recht lose bedruckt, weist die neue Erzählung von Hans-Ulrich Treichel auf, doch was auf diesen Seiten passiert, wäre Stoff für mehrere Romane. Man kann sich vorstellen, dass in der Fülle von biografischen Daten des Ich- Erzählers durchaus auch der Versuch angelegt ist, die breit gefächerten Möglichkeiten von literarischem Erzählen insgesamt anzudeuten.

Ein glänzender Fabuleur ist dieser Mann auf alle Fälle, ein gewitzter dazu, und gleich zu Beginn ist von schwarzen Notizbüchern die Rede, in die ein Romananfang notiert werden soll oder der Abschnitt einer Erzählung, wozu es aber nie kommt – nicht der einzige dezente Verweis auf Thomas Bernhard und dessen manische Studienverfasser. Da ist also ein Mann, der aus seinem Leben und von seinen Bildungserlebnissen berichtet. Ein unerträglicher Angeber, denkt man zunächst; wenigstens ein Aufschneider, denkt man dann kurze Zeit später, bis einem vollends aufgeht, dass hier etwas gewaltig stinkt und dass es sich womöglich um einen Krankheitsfall handelt, den Hans-Ulrich Treichel durchexerziert, wenn auch höchst amüsant.

Ein Versagen gibt es in diesem Leben nicht; die Niederlagen werden mit rhetorischer Finesse in Siege umgewandelt. So etwa bei der Beschreibung einer Unterkunft in New York (wo sich der Erzähler als Hundeausführer verdingt): „Das weiß ich deshalb, weil ich zwar in einem Wolkenkratzer lebte, dort aber nur eine Wohnung im zweiten Stock beziehen konnte, wobei der erste Stock im Prinzip im Souterrain lag, ich also mehr oder weniger zu ebener Erde wohnte.“ Die Relativierung ist ohnehin ein häufig eingesetztes Stilmittel.

Größenwahn, gepaart mit dem Talent zur alles überlagernden Geschwätzigkeit – man kennt Figuren dieser Art von Bernhard, an dessen Stil sich Treichel, wie man annehmen darf: ganz bewusst, nicht nur in seiner kleinen Erzählung orientiert, um ihn zu persiflieren. Was bei Bernhard tödlicher Ernst war (der Universalgelehrte, der an der Überfülle seines Wissens im Verhältnis zur stumpfen Umwelt naturgemäß zugrunde gehen muss), konterkariert Treichel auf engem Raum mit Ironie und dem ihm eigenen Witz.

Seinen Hundeexperten, Zoologen, Kunstkenner, Sprachvirtuosen und Hobbyethnologen lässt er am Ende (was hier getrost verraten werden darf, weil es nicht überraschend ist) aus einer geschlossenen Anstalt heraus sprechen. Das Werk, das er nie in eines seiner schwarzen Notizbücher hineinschreiben konnte, liegt nun vor uns auf dem Tisch: „Der Papst, den ich gekannt habe.“ Eine Treichel’sche Fingerübung nur, aber eine gekonnte und dazu noch sehr lustige.

Hans-Ulrich Treichel: Der Papst, den ich gekannt habe.

Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2007. 120 Seiten, 14,80 €.

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