Lothar Müller : Die Zungenspitze zwischen die Worte gesteckt

Lothar Müller versucht sich in seinem Essay „Die zweite Stimme“ als Ohrenzeuge der Vortragskunst von Goethe bis Kafka.

Ulrich Rüdenauer

Am 28. Februar 1912 trat im Prager Rudolfinum der berühmte Schauspieler Alexander Moissi auf, ein Schüler und Konkurrent des verstorbenen, damals noch berühmteren Josef Kainz. Ein aufmerksamer Zuhörer an diesem Abend war Franz Kafka. In seinem Tagebuch notierte er: „rasches Ausstoßen des Mailiedes, scheinbar wird nur die Zungenspitze zwischen die Worte gesteckt; Teilung des Wortes November-Wind, um den ,Wind’ hinunterstoßen und aufwärts pfeifen lassen zu können. – Schaut man zur Saaldecke, wird man von Versen hochgezogen.“ Kafka kritisiert an Moissi, dass durch die Überakzentuierung der Melodie die Melodie der Verse nicht mehr zu hören sei. Und er kommt zu dem Schluss, Moissi bediene sich „unverschämter Kunstgriffe“, „bei denen man auf den Boden schauen muss und die man selbst niemals machen würde“.

Kurz zuvor war Kafka selbst als Redner aufgetreten – und war sich der Wirkung seines wie allen öffentlichen Sprechens überhaupt sehr bewusst. In einem Brief an Felice Bauer bekundet er einmal, er lese „höllisch gern“ vor.

Lothar Müller, Literaturwissenschaftler und Literaturredakteur der „Süddeutschen Zeitung“, unternimmt in seiner kleinen Studie „Die zweite Stimme“ den Versuch, Kafka als „Kronzeugen“ einer medialen Übergangszeit heranzuziehen; der wache Zuhörer Kafka aber richtet sein Ohr weniger nach vorn als vielmehr zurück auf das „Erbe des 19. Jahrhunderts, auf die Koppelung von Stimme und Buch“. Das Rezitieren hat für ihn etwas Magisches; es ist der Lackmustest für die Güte der eigenen literarischen Arbeit, beseelt vom Wunsch, den Sätzen ein innerstes Geheimnis zu entlocken. Oft sind es seine Schwestern, die er zu seinem Publikum macht – er liest aber auch im Salon der Berta Fanta oder bei öffentlichen Veranstaltungen.

Er beschreibt seine eigenen und die Lesungen anderer mit präzisem Gespür für Zwischentöne und die Unzulänglichkeiten der Vortragenden. Kafka hörte Rudolf Steiner und Hugo von Hofmannsthal, Alexander Moissi und Albert Bassermann, Gertrud Eysoldt oder den jüdischen Schauspieler Jizchak Löwy, den er selbst bei einer Rezitationsveranstaltung einführte. Lothar Müller umkreist diese Vorlesungen, indem er auch die soziale Situation, den Ort und die Anlässe mit in seine Betrachtungen aufnimmt und vor allem den Tagebuchschreiber ausführlich zu Wort kommen lässt. Es entsteht so ein Bild des Vortrags- und Lesezirkels, dem Kafka – entgegen der althergebrachten Auffassung vom zurückgezogenen Dichter – angehörte.

Die Phonographie und der Rundfunk sind Medien, deren erste Schallwellen noch nicht an Kafkas Ohr gelangen. Kafka sei, so Müller, „Phonograph im alten Medium, der Schrift" – „zu einem Zeitpunkt, an dem die Koppelung von Stimme und Buch eine Blütezeit erlebt und zugleich die Ära der akustischen Überlieferung beginnt“. Der medienhistorische Diskurs lebt nicht zuletzt von Vereinfachungen, um Strukturen und Übersichtlichkeit herzustellen. Eine solche Vereinfachung benennt Müller in der lange Zeit gängigen Gegenüberstellung von „oralen und literalen Kulturen“. Dass die Gutenberg-Galaxis aber auch im 19. Jahrhundert schon überlagert war von einer „sekundären Oralität“ (Walter J. Ong) wird am Beispiel Kafkas frappierend deutlich: Es gibt keine strenge Trennung, die „zweite Stimme“ wirkte, lange bevor Marshall McLuhan das Ende des Buches und mit Radio, Plattenspieler und anderen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts eine neue Oralität ausrief. Nein, die Stimme begleitete die Literatur auch in einer Zeit, als die orale Tradition vermeintlich zu verschwinden drohte.

So deutet sich in Müllers Essay auch eine Geschichte der Vortragskunst von der Goethezeit bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts an: Waren zunächst noch die Salons Ort intimer Dichterlesungen, verlagerte sich das Geschehen bald auf Bühnen und in Konzertsäle. Dabei war die Form des Vortrags zwischen Rezitation und Deklamation einem Wandel des Geschmacks unterworfen.

In der „zweiten Stimme“ offenbarten sich Zeitstil und Individualstil des Vorlesens, und es klangen die Formen zukünftiger Stimmenvervielfältigung an. Kafka war, wie Müller Canetti zitierend schreibt, ein „Ohrenzeuge“ dieser Überlagerungsprozesse. Auf Müller selbst trifft dieser Begriff ebenfalls zu – er bringt die in der Schrift aufgehobenen Stimmen wieder zu Gehör (übrigens auch mit einer beigelegten CD historischer Aufnahmen von Moissi bis Kraus) und fügt der jüngeren Mediengeschichte einen wertvollen Mosaikstein hinzu.

Lothar Müller: Die zweite Stimme. Vortragskunst von Goethe bis Kafka. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2007. 158 Seiten und CD, 24,95 €.

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