Lyrik : Die Flugbahn am Anfang

Katrin Marie Mertens lyrisches Debüt "Salinenland" ist ein anspielungsreiches Feld.

Jan Volker Röhnert

Es gibt Gedichtsammlungen, die wie ein langer Text sind, der endlose Fortsetzungen zeugt – Fort-Sätze einer lyrischen Digression, die ihren Grundwortschatz ins Fragmentarische verkürzt kaleidoskopisch durchdekliniert. Wir kennen so etwas vom späten Paul Celan, von Christoph Meckel, den Langgedichten Jürgen Beckers, Paulus Böhmers oder den Zyklen der Friederike Mayröcker. Katrin Marie Mertens „Salinenland“ (die Autorin Jahrgang 1982), entstanden im Umfeld des Leipziger Literaturinstituts, greift solche Vorgaben eigenwillig auf.

Das „Salinenland“, in dem sich, auf fünf Hauptstücke verteilt („Stadt“, „Schlaf“, „Takt“, „Raum“, „Wach“), diese Texte treffen, ist ein anspielungsreiches Feld: Man denkt an die thüringisch-anhaltinische Karst- und Tagebauregion mit ihren Salzlagerstätten, die schon Novalis und jüngst Peter Handke inspirierten, aber ebenso an Salz überhaupt als lebenswichtiges Spurenelement. Mertens „Salinenland“ erzählt wie nebenbei geflüstert von Gängen durch die Salinen unserer Innenwelt in den Passagen der Außenwelt. Dabei gewinnt sie dem Beiläufigen hintergründige Reize ab: Es sind Gedichte, die an den Rändern von Wahrnehmung und Gefühl oszillieren: „Dieses Rauschen von Farben, die Bilder / im Anschlag: Ein Mund, ein Blick, der sich hält, / Hände im Licht und Sätze, erst später / erkennst du den Abdruck am eigenen Leib.“

Sieht man sich unter den Dichterinnen ihrer Generation nach Vergleichbarem um, so wird man vielleicht auf die Leipzigerinnen Ulrike Almut Sandig oder Martina Hefter stoßen, mehr noch aber scheint eine Verwandtschaft zur in Erfurt lebenden Lenz-Stipendiatin Nancy Hünger auf, auch wenn diese seit ihrem Debüt „Aus blassen Fasern Wirklichkeit“ weit formstrenger und mit welthaltigerem Lexikon schreibt. „Ringsum reicht den Augen das Salz nicht aus“, lautet eine Zeile aus Hüngers aktuellem Gedichtband „Deshalb die Vögel“, die auch bei Merten stehen könnte. Trotz einiger Redundanzen und ungewollter Brüche darf man „Salinenland“ zu den verheißungsvollen Lyrikdebüts der Saison zählen: „Nur etwas am Rand der Geschichte, / auf später datiert, erwähnt: Wie weit war am Anfang die Flugbahn berechnet.“

Katrin Marie Merten: Salinenland. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2009. 80 Seiten, 8,50 €.

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