Lyrik : Die Treppen des Blutes

Schöpfungswunder, Staub und Erinnerung: Die Gedichte der Dänin Ulrikka S. Gernes.

Volker Sielaff

Die dänische Poesie ist hierzulande wenig bekannt, auch wenn es in den vergangenen Jahren immer wieder Versuche gegeben hat, den Blick auf die literarische Vielfalt unseres Nachbarlands zu lenken. So stellte Peter Urban-Halle in der in Berlin erscheinenden Zeitschrift „Park“ (62/2007) ein Gruppenbild dänischer Poesie zusammen, und der Schweizer Verleger Urs Engeler bat im Sommer 2009 die Autoren Moritz Schramm und Alexander Gumtz, für seine Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ einen Blick auf „Neue Gedichte aus Dänemark“ zu ermöglichen. Doch werden Namen wie Lars Skinnebach, Gitte Broeng oder Morten Søndergaard bestenfalls Insidern etwas sagen. Von Søndergaard ist immerhin der Band „Bienen sterben im Schlaf“ 2007 im Literaturverlag Roland Hoffmann in München erschienen.

Der mit dem Petrarca-Übersetzerpreis und dem Preis für Europäische Poesie ausgezeichnete Übersetzer Hanns Grössel (ohne ihn gäbe es die wunderbaren Ausgaben der Gedichte von Inger Christensen und Tomas Tranströmer wahrscheinlich nicht) hat jetzt einige Proben aus dem immerhin auch schon auf neun Bände angewachsenen Werk der 1965 in Südschweden geborenen dänischen Lyrikerin Ulrikka S. Gernes übersetzt.

In Ulrikka S. Gernes’ Gedicht „Im Treppenhaus“ sind alle Themen und Motive dieser Dichterin wie in einem Brennglas schon enthalten: das Wunder der Schöpfung und die Hinfälligkeit unseres Körpers, die Zärtlicheit und die Vergänglichkeit, „katalytische Kellerräume“ und „flimmerndes Rembrandtlicht“. Es ist ein einziges Auf und Ab, das Gernes in den für sie typischen mäandernden Zeilen und mit suggestivem Rhythmus beschreibt.

Das Leben, ein Treppenhaus. Dieses Auf und Ab, das sind die „Treppen des Blutes,(...) die Pfosten der Gene“. Sind Enzyme, Chromosomen, Kinderstimmen.

Wenn Gernes die Sinnlosigkeit all unseres Tuns heraufbeschwört, die sich neigende und sich „in gespannten Bögen um sich selbst“ schlingernde Treppe, dann doch auch, um am Ende ihres kleinen Poems ihr ureigenes Programm entgegenzusetzen, das da heißt: „Bleib einen Augenblick stehen. Lass deine Augen / sich ans Dunkel gewöhnen, an die Zärtlicheit / wo Schmetterlinge überwintern können / bis zur nächsten Saison.“

Zärtlichkeit ist ein Wort, das öfters in ihren Gedichten auftaucht. Dass bei allem Umsonst nichts umsonst ist, lautet die – manchmal durchaus lakonische – Botschaft dieser Dichterin: „Ein bisschen glitzern / müssen wir jetzt / da wir lebendig sind“ (in dem Gedicht „Sterne“).

Ulrikka S. Gernes entstammt einer Künstlerfamilie, ihr Vater Poul Gernes (eines seiner Bilder ziert den Umschlag der Edition) gründete mit Per Kirkeby und anderen in Kopenhagen eine experimentelle Kunsthochschule; er starb 1996. Gernes’ Gedicht „Die beschlagene Scheibe: Requiem“ erinnert an den Vater und beginnt mit den Worten: „Zum ersten einzigen Mal / habe ich meinen Vater auf dem Schoß, / auf dem Rücksitz des Autos den ganzen Weg / nach Hause. Die Asche meines Vaters.“

Das gesamte Gedicht ist ein Abgesang auf die Vergänglichkeit, die Asche des Vaters, die hier in einem „trotzigen Tanz“ über alle Zäune wirbelt, als „Staub und Erinnerung“. Doch das Tote wird beinahe noch einmal lebendig, und das Gedicht klingt mit einer suggestiven Erinnerung an den letzten Atemzug des Vaters aus – fast ein Stoßseufzer: „Vater, / im Ausatmen unter meinen Lippen.“

In anderen Texten wird „Das Muster von toten Insekten“ beschworen oder kommt ein gieriger Engel zu Besuch und „verlangt Details, Nuancen: mehr als Erröten, / den Quell des Errötens“. Das Leben als letzter Widerstand rinnt durch jede Ritze dieser Verse, die so durchscheinend sind, weil sie das Dunkle im Hintergrund nie leugnen. Ecce poeta, bitte mehr davon.

Ulrikka S. Gernes: Wo Schmetterlinge überwintern können. Gedichte. Friedenauer Presse, Berlin 2009.

32 S., 9,50 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben