Lyrik : Fremdwörtlich

Ein neues Buch über arabische Gegenwartslyrik mit erläuternden Essays bringt die Dichtkunst des Orients näher.

Andreas Pflitsch

Mitherausgeberin Ilma Rakusa freut sich noch rückblickend über das „wie vom Himmel gefallene Angebot“, zum deutsch-arabischen Dichtertreffen in den Jemen zu reisen. Dabei war die erste Zusammenkunft alles andere als unbeschwert. Ein Jahr vor 9/11 hatte sie im September 2000 stattgefunden. Als man 2003 zur Herbsttagung der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung acht Dichter aus arabischen Ländern geladen hatte, war die Abstrusität der Situation mit Händen zu greifen: Die Lyrikrezitationen in der Darmstädter Orangerie und die täglichen Meldungen aus dem kriegsgebeutelten Irak bildeten einen schrecklichen Kontrast.

Als Zwischenbericht von den Etappen eines langen Weges erzählt der Band von den Schwierigkeiten, einander zu verstehen, von Erfolgen und Problemen der Literaturvermittlung, von enttäuschten und befeuerten Hoffnungen. Katharina Mommsen erinnert an die jahrhundertelange Faszination deutscher Dichter durch die arabische Literatur. Stefan Weidner zeigt, wie der Koran aufgrund von fast durchweg fürchterlichen deutschen Übersetzungen der ihm eigenen Ästhetik beraubt wurde; und Klaus Reichert plädiert für den „Einschluss des Fremden“ in die Kulturen.

Allen Autoren ist klar, dass man Lyrik eigentlich nicht übersetzen kann. Es gelte aber, so wird gefordert, aus der Not eine Tugend zu machen. Harald Hartung fordert Pragmatik statt Resignation, und für Reichert ist es gar „hier, im Unmöglichen, wo das Übersetzen beginnt“. Entstanden ist ein sympathisches und kluges Buch über die arabische Gegenwartslyrik, das weder repräsentativ sein will noch an der Last eines theoretischen Überbaus zu tragen hat. Nachdem die erste Hälfte des Bandes den Boden bereitet hat, liefert die zweite eine feine Auswahl arabischer Gedichte. Und siehe da, die Verse von Adonis, Mahmud Darwish oder Qassim Haddad sind keineswegs unter ihrer Metaphernschwere ächzende Fremdkörper.

Joachim Sartorius hat zwar recht, wenn er auf die Tradition verweist, in der diese Dichter stehen und eingesteht, dass „wir Ignoranten uns zunächst für Monate in die Schriften von Ibn Arabi oder Al-Halladsch vertiefen“ müssten, „um Fuad Rifka oder Mohammed Bennis wirklich zu verstehen“. Wenn der Letztgenannte aber von seinen Gedichten sagt, dass sie es ablehnten „in eine Orient- oder Okzidentkategorie eingeordnet zu werden“, da sie ihre „eigene Identität“ hätten, mag das eine Warnung sein, im Bemühen um Verständnis nicht neue Hürden aufzubauen.

Ilma Rakusa, Mohammed Bennis (Hg.): Die Minze erblüht in der Minze. Arabische Dichtung der Gegenwart mit erläuternden Essays. Hanser Verlag, München 2007. 198 Seiten, 21,50 €.

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