Lyrik : Im Gestrüpp

"Schwindendes Licht": Der australische Dichter Robert Gray erscheint auf Deutsch.

Volker Sielaff

Rätselhaft muten diese vier Zeilen aus einem Gedicht von Robert Gray an: „Es dreht seinen Kopf wie ein Mannequin / zu der Wellblechhütte / und hält die Vorderpfoten / wie zum Fesseln hin.“ Kein lyrisches Ich stellt sich dem Känguru in den Weg. Der hier spricht, verharrt wohl eher im Schatten seiner Hütte und zeichnet auf, was ihm da vor Augen tritt – ohne metaphorischen Überschwang, aber mit äußerster Genauigkeit. Er „schreibt“ das Känguru, dessen Ohren für ihn „wie Zinken“ sind, am Ende des Gedichts flitzt es „gekrümmt“ davon, „zwischen Strünken und Gestrüpp, in die Dämmerung“.

Es gibt viel Natur in der Poesie des 1945 geborenen Robert Gray, der hierzulande noch im Schatten seines großen Landsmannes Les Murray steht. Im Jahre 2003 nahm der Dichter an einem Übersetzerprojekt der Literaturwerkstatt Berlin teil und war vor kurzem Gast des Internationalen Literaturfestivals Berlin. Joachim Sartorius hat einige seiner Gedichte nun für eine kleine, feine Ausgabe unter dem Titel „Schwindendes Licht“ ins Deutsche übertragen.

Das Titelgedicht zeichnet das Porträt einer an Alzheimer erkrankten Frau, der Mutter des Dichters. Gray lässt der alten Dame ihre Würde, indem er ihr die Zartheit seiner Beobachtung schenkt, ohne ihr Leiden zu beschönigen. Von zerbrechenden Synapsen ist die Rede, von der „besiegten Seele“ und davon, dass „Alles von deiner Mutter / hier, in deinen Armen“ ist. Wenn es darauf ankomme, so Sartorius, sei Robert Grays Poesie „auch drastischer Wirkungen fähig“. Auf jeden Fall ist die Alltagswelt dieser Gedichte oft eine raue – und die wörtliche Rede, etwa in dem Gedicht „Die Fischer“, nicht selten derb und roh: „Einer von euch hat eine Frau, barsch, erdverbunden und nachtragend immer noch. / Sie liebt dich, ihr grämlicher Blick sagt es dir.“

Manchmal schreibt Gray, einem Credo des amerikanischen Dichters William Carlos Williams folgend, den er nach eigenem Bekunden sehr schätzt, über ganz einfache Dinge, etwas über „Neun Schalen voll Wasser“. Eigentlich ist das ein Gedicht über einen Trupp Arbeiter im staubigen Niemandsland. So nimmt das Auge der Erzählstimme zuerst nur das Wasser im „silbrigen Blechgeschirr“ wahr, dann das Holzbrett, auf dem das Geschirr steht, dann Seifenstücke und vorbeihuschende Autokolonnen in den Blick, ehe es, fünf Zeilen vor Schluss, auf die arbeitenden Männer zoomt: „Wir gehen im Dreck / über Papiere, Schlammreste, / bespritzt von sporadischem Pressluftgehämmer, / vorbei an neun Schalen Wasser – eine artige Eintracht. / Alleebäume und Segelboote und Frauen“. Gerade einmal die letzte Zeile dieses gar nicht kurzen Gedichts ist für die Sehnsucht der Arbeiter zuständig.

Mit dem verschlüsselten Selbstporträt „Das Leben eines chinesischen Dichters“ schließt dieser Band Gedichte. Die Wirklichkeit der Natur bekommt in diesem Text das Attribut „unausdenkbar“. Ausgedacht hat sich auch Robert Gray nichts. Aber er hat es „zugleich scharf und zärtlich“ gesehen, wie Joachim Sartorius meint. Volker Sielaff

Robert Gray: Schwindendes Licht. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Englischen von Joachim Sartorius. Verlag Thomas Reche (www.verlag-thomas-reche.de), Neumarkt/Opf. 2007. 69 S., 25 €.

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