Lyrik : Küchenlatein mit Nashorn

Der Berliner Dichter Jan Wagner komponiert "Achtzehn Pasteten".

Katrin Hillgruber
Pasteten
"Achtzehn Pasteten". -Foto: Promo

Dem amerikanischen Lyriker Robert Frost zufolge beginnt das Gedicht im Entzücken und endet in Weisheit. Ein herzerfrischend barockes Entzücken über die Phänomene der Natur, eine ungetrübte Daseinsbejahung vermitteln auch Jan Wagners „Achtzehn Pasteten“. Es handelt sich um seinen dritten Gedichtband, das mit dem Wandergefährten Björn Kuhligk verfasste Gemeinschaftswerk „Der Wald im Zimmer. Eine Harzreis“ nicht mitgerechnet. Sei es Arthur Rimbauds „Schläfer im Tal“, der hier im Wald scheinbar friedlich schlummert, seien es Tomaten, die ihrer „leuchtend roten Kunst im Stillen nachkommen“, oder ein schlichter Teebeutel, dessen Am-Faden-Hängen die Zeilengestaltung nachahmt: Kein Lebewesen, kein Ding ist diesem ebenso formbewussten wie fantasiebegabten Poeten zu klein oder unbedeutend, um ihm nicht eine überraschende, zuweilen rührende Geschichte zu entlocken.

Über den Teebeutel heißt es: „nur in sackleinen / gehüllt. kleiner eremit / in seiner höhle.“ Aus diesem statischen Arrangement entwickelt sich in der zweiten Strophe überraschend eine Fluchtgeschichte: „nichts als ein faden / führt nach oben. wir geben / ihm fünf minuten.“ Geht es also doch nur um die Zeit, die das anregende Getränk ziehen soll?

Ein ähnlich charmantes und dabei durch logische Volten erhellendes Verwirrspiel betreibt Jan Wagner, Jahrgang 1971, auch in dem titelgebenden Zyklus „Achtzehn Pasteten“. Er bezieht sich auf einen Eintrag im Geheimtagebuch des englischen Regierungsbeamten Sir Samuel Pepys (1633–1703). Der barocke Beobachtungs- und Lebenskünstler („kaltes Essen, weil Waschtag is“) ließ sich zum 18. Hochzeitstag eben diese Zahl an erlesen gefüllten Backwerken kredenzen. Diese Inspiration gibt dem anglophilen gebürtigen Hamburger, der unter anderem den Lyriker James Tate übersetzte, Gelegenheit, auf spielerische bis possierliche Weise seine Belesenheit und Weltläufigkeit zu demonstrieren. Von „raised game pie“, in der sich ein Garderobenständer eine Auszeit als Hirschgeweih nimmt, ist die Rede, von „cheese and onion pastries“, in der sich ein Herz zwiebelähnlich „schicht um schicht“ zurückzieht, oder ganz klassisch vom Aal als „meister des purgare“.

Bei der Komposition eines ganzen Heeres an ausgefallenen Zutaten erweist sich Jan Wagner als Virtuose des Küchenlateins. Er schafft auf kleinstem Raum Stillleben, die in exotische Weiten führen, um dann unvermutet in den heimischen Geschirrschrank zurückzukehren – wie im Falle eines (nicht zum Pastetenzyklus gehörenden) Nashorns, das auf seinem Rücken einen winzigen Vogel „wie ein stück sèvresporzellan“ durch die Savanne schaukelt. Auch das Stillleben mit mörderischem Ausgang bereichert sein Repertoire. In „rissoles pompadour“ läuft die Prozedur des Fleischhackens und -würzens für die Pastetenzubereitung auf einen tödlichen Schrecken hinaus, der im Gedicht wie eingefroren wirkt: Ein Gärtner hebt vor einem Maulwurfshügel die Schaufel. So gerne wie in adeligen Lustgärten und tropischen Gefilden geht Jan Wagner in der Literaturgeschichte spazieren. Mit formstrengen „Litauischen Quartetten“ etwa erinnert er an Johannes Bobrowskis herrlich unernsten Roman „Litauische Klaviere“.

„Ich esse niemals Salat, wenn ich jemandem gefallen möchte“, behauptet eine jener tollpatschigen modernen Frauen, die die französische Comic-Zeichnerin Claire Brétécher berühmt gemacht haben. Bei Jan Wagner verhält es sich genau umgekehrt: Er richtet mit „der salat“ einen knackigen, hochkomischen Hymnus an den französischen Renaissancedichter Pierre de Ronsard. Dieser hielt sich am Königshof auf, „im kreise meiner kardinäle, / der würdigen radicchios, ihrer bitteren lehr“. Neben Chicoree und Rapunzel vergisst der Autor auch Normalsterbliche wie die Kopfsalate nicht, „die ihre bleichen herzen schützen / vor allzu großer helligkeit“. Bei aller plastischen Beschreibungskunst und ausgefeilten Überraschungstechnik der Enjambements sind manche Verse selbst von einem höfisch-braven, leicht kratzfüßigen Gestus affiziert. Doch diese Einwände sind Petitessen, oder, um in Jan Wagners Duktus zu bleiben: Petits fours.

Eines der schönsten Gedichte gilt der Quitte. Als Dessert beschließt sie den Reigen der erlesenen „Mundtäschchen“, und die Schilderung ihrer gelben Leuchtkraft wird erneut zur Feier der Diesseitigkeit. Die Quitte reift für den über Kreuz denkenden Poeten „im hintersten winkel / meines alphabets, im latein des gartens“. Sie leuchtet durch dieses ganze erquickende Buch hindurch.

Jan Wagner:

Achtzehn Pasteten.

Gedichte. Berlin

Verlag, Berlin 2007. 88 Seiten, 16 €.

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