Lyrik : Mann sieht rot

Gedichte aus 20 Jahren präsentiert Michael Wildenhain in "Die schönen scharfen Zähne der Koralle".

Thomas Wild

Rot ist der Faden dieses Buches. Angefangen beim farbigen Zwirn des Leineneinbands und nicht endend beim Eröffnungsvers: „Rot ist die Liebe …“ Die Gedichte der Sammlung, in drei eng aufeinander bezogenen Kapiteln arrangiert, handeln von Liebe, von Reisen, von Erinnerungen, von Absonderlichkeiten, von Berlin, von Politik. Sehnsuchtsorte, die näherrücken, sobald ihnen mit Mut oder Humor begegnet wird: „Leih mir dein Lächeln/ Gib dich und sei/ Gelb gegen alle/ Rot mir und treu.“

Gedichte aus 20 Jahren hat Michael Wildenhain in „Die schönen scharfen Zähne der Koralle“ versammelt. Sie führen zu zentralen Themen und Motiven seines Schreibens. Zu dem Denkbild etwa, wie Wünschen durch gelebtes Leben in Wirklichkeit überführt wird, wie immer nur ein Bruchteil dessen, was einem oder zwischen Menschen möglich ist, Platz findet in der Realität – und Uneingelöstes wie ein Versprechen zurückbleibt. Wildenhain hat davon in seinen Romanen „Erste Liebe, deutscher Herbst“ (1997) und „Russisch Brot“ (2005) entlang der Geschichte zweier Jungen und eines Mädchens am Übergang zum Erwachsenwerden erzählt. „Wir standen er sie und ich“, ruft das Gedicht „Haltestelle“ nun jene Konstellation wieder auf: „Der Bus hielt und an seinen Händen/ Sah ich er wagte es nicht/ Der Bus fuhr aber es standen/ Am Halt nur er noch und ich.“

Wildenhain ist ein politischer Autor. Die Figuren seiner Texte sind Gestalten unserer Zeit. Kaum ein Buch hat die Wendepunkte der linken Bewegung in den achtziger Jahren in ein so bewegtes Relief gebracht wie seine „Kalte Haut der Stadt“ (1991). Ans Ende jenes Jahrzehnts, nach dem Mauerfall, erinnern die „November“-Verse: „Wir stoßen an das Krachen der Gläser/ Singt uns in eine Zeit zurück/ In der die Welt eine Bahnsteigkarte/ Weit war und rot wie das Glück.“

Bertolt Brecht und Heinrich Heine sind die großen Brüder dieser Gedichte; und ein Zeitgenosse wie Thomas Brasch, auf den Wildenhain schon in frühen Erzähltexten Bezug nimmt. Gemeinsam verstehen sie Literatur als Gebrauchsartikel, setzen auf Lied, Rhythmus oder Reim statt auf die enigmatische Metapher: Popularisierung als Potenzial.

Das Wunderbare an Wildenhains Gedichten ist, dass sie vom Einfachen ebenso sprechen können wie vom Schweren. Vom Licht im Juli oder im September, vom Berliner Wedding oder der französischen Provence. Von der Helle in einer Kinderstimme und von den kratzenden Konsonanten des Kerzenverkäufers. Von der Magie „deines runden/ Atems wenn du dich mir gibst“ und vom Schrecken „wenn du zögerst wenn ich dich frage/ ob Du mich noch immer liebst.“ Selbst wenn er reißen sollte – der rote Faden behält seine Farbe.Thomas Wild

Michael Wildenhain: Die schönen scharfen Zähne der Koralle. Gedichte. Edition Villa Concordia, Bamberg 2007. 87 Seiten, 11,50 €

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