Lyrik : Vages Befinden

Hans-Ulrich Treichel begibt sich mit seinen neuen Gedichten in den "Südraum Leipzig".

Nico Bleutge

Der Schriftsteller und Lyriker Hans-Ulrich Treichel hat ein Faible für all jene Dinge, die gemeinhin dem Gewöhnlichen zugerechnet werden. In seinem neuen Gedichtband „Südraum Leipzig“ gehören „Heuschreckenkrebse" in Venedig ebenso zu seinen Sujets wie die Braunkohleluft in Leipzig, eine Radtour nach Berlin-Kreuzberg, ein schmerzendes Knie oder überhaupt die vielen vagen Befindlichkeiten, die ein Männerherz tagein, tagaus ordentlich in Wallung bringen.

Fast immer sind es einfache Gegensätze, von denen das Gedicht seinen Ausgang nimmt: „Wie tief die Erde ist / unter den Schuhen und wie hoch / der Himmel über der Angst.“ Oder auch: „Der Abendhimmel über mir, / die Magensäure in mir.“ Das eigene Leben hat ganz ohne Zweifel immer genügend Stoff zu bieten – aber reicht es als Berechtigung für Gedichte aus?

Da sitzt der 1952 in Versmold/Westfalen geborene Dichter am Rhein, sieht den Frachtkähnen nach, hört es donnern, und plötzlich wird ihm recht melancholisch zumute. Eine schrecklich öde Situation, doch ein Gedicht lässt sich allemal darüber schreiben: „Warum bin ich hier, / blicke Frachtkähnen nach, / höre es donnern, rechtsrheinisch, / linksrheinisch, seh einen Kiosk / unten am Wasser, der Kiosk heißt / Bierbud, wo ist da der Witz.“

Genau das fragt man sich als Leser auch immer wieder, wo ist an diesen Gedichten der Witz? Wo ist die Lust an der Gestaltung, wo das Spiel mit der Sprache? „Migräneliteratur“ hätte der leider viel zu früh verstorbene Lyriker Thomas Kling diese Wiederbelebung der Neuen Subjektivität genannt.

Hans-Ulrich Treichel: Südraum Leipzig. Gedichte. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2007.

96 Seiten, 14, 80€

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