Literatur : Mängelexemplar de luxe

Willy Vlautin setzt mit „Northline“ seine White-Trash-Saga fort

Gerrit Bartels
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Nach dem ersten kurzen, sechs Seiten umfassenden Kapitel weiß man schon ziemlich viel über diesen Roman: In was für einem traurig-heruntergekommenen Milieu er spielt, mit was für Malaisen sein Personal zu kämpfen hat, in was für unguten Abhängigkeitsverhältnissen es sich befindet. Alles beginnt in einem Etablissement namens „Circus Circus“, einer Mischung aus Spielcasino und Zirkus. Hier sitzen Gäste wie der alte, an einen Rollstuhl gefesselte Mann ohne Beine, „sein Gesicht war rot vom Alk und grau von den Bartstoppeln“. Oder das komplett betrunkene Mädchen, das mit ihrem Freund Jimmy da ist. In einem Waschraum schlafen sie miteinander. Sie stürzt danach, schlägt sich das Gesicht auf, macht sich in die Hose und bekommt von Jimmy, bewusstlos wie sie ist, zur Strafe noch einen Tritt mit seinen Stahlkappenstiefeln, direkt über dem Bein. Dann hilft er ihr beim Anziehen.

Willkommen in der Welt des 1967 in Reno, Nevada geborenen Musikers und Schriftstellers Willy Vlautin. Willkommen im White-Trash-Amerika, in dem Rassismus zur Tagesordnung gehört, und wo ganz unten nie tief genug sein kann. Und willkommen in einer Romanwelt, die von Autoren wie Jim Thompson oder Cornell Woolrich stilistisch und atmosphärisch beeinflusst ist, in der die Träume bescheiden, aber doch virulent sind, und in der ein Paul Newman oder ein Johnny Cash letzten Lebenshalt bieten.

In „Motel Life“, dem ersten ins Deutsche übertragenen und 2008 veröffentlichten Roman von Vlautin, sind es zwei Brüder, die viel Mist bauen, viel Pech haben und das Unglück geradezu anziehen. Kein Ausweg für diese beiden, nirgends. In Vlautins neuem „Northline“ betitelten Roman ist es „das Mädchen“, dem ähnlich viel Schlimmes widerfährt. Anders als die beiden Brüder macht sie jedoch eine Art innere Entwicklung durch. Raus aus dem ganzen Elend und rein in eine zumindest ansatzweise stabile kleinbürgerliche Existenz, in der auch sie dann einen Namen tragen darf, Allison Johnson. Doch bevor es soweit ist, heißt es, die Kehrseiten der Glitzerwelt von Las Vegas und die nicht viel schöneren Seiten einer Stadt wie Reno kennenzulernen: das Leben des Mädchens, das ihrer Mutter, ihrer Schwester und ihres Freundes. Leben, die aus McJobs und exzessivem Alkoholkonsum bestehen, aus einem Dahindämmern zwischen Arbeit, Fernsehen, Fast Food, unbewältigten Traumata sowie Panikattacken, unter denen das Mädchen immer wieder leidet.

Sie ist ein Mängelexemplar, wie es nicht besser im Sarah-Kuttner-Lexikon stehen könnte, nur dass Willy Vlautin sich seiner durchaus nicht zahlreichen erzählerischen Mittel ungemein sicher ist und diese effektvoll einsetzt. „Northline“ ist in einer einfach-schlichten, dem intellektuellen Haushalt seines Personals angemessenen Sprache geschrieben, in Sätzen, die knapp und manchmal spröde sind, manchmal aber auch blitzblank zu strahlen vermögen. Vorangetrieben wird die Handlung von wenigen beschreibenden Passagen, hauptsächlich besteht der Roman jedoch aus Dialogen und vielen kurzen Kapiteln, die wie Popsingles oft nur mit dem Namen der Bars übertitelt sind, in denen sie spielen. Mittels der Dialoge erzählt das Mädchen Begebenheiten aus seiner unschönen Vergangenheit, eine Vergewaltigung etwa. Und in den Dialogen transportiert Vlautin immer wieder auch die Lebensgeschichten der Menschen, denen Allison begegnet, nachdem sie schwanger geworden Las Vegas Richtung Reno verlässt, das Kind, das sie von Jimmy erwartet, zur Adoption freigibt und sich mit einem Kellnerinnen- und einem Telefonjob durchschlägt. Die Geschichte von ihrer zartfühlenden Kollegin Peggy zum Beispiel, die gut 180 Kilo wiegt, von deren Ehe, Scheidung und Single-Dasein. Die von T.J. Watson, dem Lastwagenfahrer, der einen Sohn verloren hat. Oder die von dem nach einer Schlägerei im Gesicht entstellten Dan Mahoney, Stammgast in Allisons Diner, der in einem Veteranenkrankenhaus arbeitet und hier noch schlimmere Schicksale kennengelernt hat.

Sie alle sind Verlierer, ohne ihr Verliererdasein betonen zu müssen; sie alle können nicht anders, als weiterzuleben, sie alle vermitteln Allison: There must be a better life. Hoffnung ist besser als nichts, heißt es in „Motel Life“, und Hoffnung gibt es auch am Ende von „Northline“. Und Willy Vlautin kann in dem Stil und mit ähnlicher Besetzung ruhig noch ein paar mehr Romane folgen lassen.

Willy Vlautin: Northline. Roman. Aus dem Amerikanischen von Robin Detje.

Mit einem Nachwort von Pedro Lenz. Berlin Verlag, Berlin 2009. 204 Seiten, 18 €.

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