Märchen : Die Rückkehr des Aschenputtel

Sie galten lange Zeit als grausam, überholt und moralsauer, doch inzwischen sind Rotkäppchen, Rapunzel und Co. wieder beliebt. Ein Kongress in Thüringen widmet sich den deutschen Volksmärchen.

Andreas Hummel[dpa]

Altenburg"In einer immer komplizierter werdenden Welt sind die Märchen wie ein Mikrokosmos", erklärt der Literaturwissenschaftler Heinz Rölleke. "In Märchen ist die Welt überschaubar, es gibt feste Mechanismen und Gesetze." So greifen Erzieher und Lehrer wieder öfter zu den Geschichten der Gebrüder Grimm, zu Wilhelm Hauff oder Hans Christian Andersen. Dabei erhalten sie inzwischen auch "Rückendeckung" von Neurobiologen. Im thüringischen Altenburg beginnt heute der Kongress "Burg und Schloss, Tor und Turm im Märchen", zu dem sich rund 250 Experten angemeldet haben.

Die deutschen Volksmärchen waren nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem bei den Alliierten und der 68er-Generation in Misskredit geraten. Damals standen sie im Ruf der "schwarzen Pädagogik". "Das hat zehn bis zwölf Jahre nachgewirkt", sagt Märchenforscher Rölleke. Erst mit dem Buch "Kinder brauchen Märchen" von Bruno Bettelheim im Jahr 1975 setzte ein Wandel ein.

"Kinder hören Märchen gerne", berichtet die Pädagogin Helga Zitzlsperger aus ihrer langjährigen Erfahrung. Die Geschichten böten den Kindern ein großes Identifikationsangebot. Sie lernten dadurch Einfühlungsvermögen. "Die Kinder versetzen sich in andere Rollen und lernen auch mit deren Argumenten zu arbeiten."

"Superdoping für Kinderhirne"

Das bestätigen auch Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Als "Superdoping für Kinderhirne" bezeichnet der Göttinger Neurobiologe Gerald Hüther Märchen. Märchenstunden könnten verstärkt die emotionalen Zentren im Gehirn aktivieren und dabei helfen, dass Kinder Ruhe finden und lernen, sich zu konzentrieren. Beim Erzählen werde die Fantasie und Kreativität der Kinder angeregt. "Man muss die Bilder und Gefühle selbst im Kopf erzeugen." Diese kreative Leistung sei bei Hörspielen oder Verfilmungen eingeschränkt, erklärt der Wissenschaftler.

Beruhigend wirkt nach Ansicht der Experten auf Kinder und Erwachsene, dass Märchen meist gut ausgehen und einen starken Lebensoptimismus vermitteln. Zudem gibt es selten ausweglose Situationen. "Selbst wenn Rotkäppchen vom Wolf gefressen wird, kommt es aus dieser misslichen Lage wieder raus", erklärt Rölleke. Wie viele Märchen es im deutschsprachigen Raum gibt, lasse sich nicht abschätzen. "Die Zahl der Motive, die in den Märchen immer wieder vorkommen und neu kombiniert werden, ist auf 3000 bis 4000 in der ganzen Welt begrenzt", sagt er.

Bei dem Kongress in Altenburg sind zahlreiche Vorträge und Seminare geplant. "Es werden auch viele Märchen erzählt", sagt Mit- Organisator Werner Schmidt. Dabei seien auch Gäste willkommen, etwa am Freitagabend im Hof des Residenzschlosses.

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