Märchenhafter Erfolg : Reservat für Vampire

Alles begann mit einem Traum. Stephenie Meyer hatte einen Traum von einem wunderschönen Vampir, der auf einer Lichtung ein junges Mädchen trifft. Heute ist Meyer eine Bestseller-Autorin.

Rolf Brockschmidt
Meyer
Stephenie Meyer -Foto: Thilo Rückeis

5,5 Millionen Bücher verkauft in 35 Ländern, das neuste Buch in Deutschland gleich nach Erscheinen auf Platz 1 der „Spiegel“-Bestsellerliste, die Verfilmung des ersten Bandes ist in Arbeit, ein märchenhafter Erfolg für eine junge Frau, die vor drei Jahren ihren ersten Roman geschrieben hat, für sich ganz allein, wie sie glaubhaft versichert. Stephenie Meyer ist auf Lesereise in Deutschland, sie muss sich noch daran gewöhnen, dass es in Hamburg schon beim Betreten des Saales standing ovations gab und dass in Berlin bei Dussmann drei Mädchen schon um sechs Uhr morgens warteten, um sich bei der abendlichen Lesung einen guten Platz zu sichern. Starrummel ist ihr völlig fremd, sie hat doch nur das aufgeschrieben, was sie ganz persönlich bewegt hat. Aber genau das bewegt wohl auch Millionen von Teenagern, meist Mädchen, auf der ganzen Welt.

Und alles begann mit einem Traum. Stephenie Meyer, 35 Jahre alt, Mutter von drei Kindern, hatte einen Traum von einem wunderschönen Vampir, der auf einer Lichtung ein junges Mädchen trifft. „Ich war sehr beschäftigt mit meinen kleinen Kindern, und wenn ich nicht alles aufschrieb, dann vergaß ich es. So schrieb ich auch diesen Traum auf – ich glaube, am ersten Tag waren es zehn Seiten. Ich tat es wirklich nur für mich. Aber ich fand diese Charaktere so interessant. Ich wollte wissen, wie es weitergeht, also schrieb ich einfach weiter. Nach drei Monaten war das Buch fertig“, erzählt sie, als sei es das Normalste der Welt. Es waren schlaflose Nächte. Nach drei Wochen rief ihre große Schwester Emily an, warum sie sich nicht mehr melde. Sie gestand ihr, dass sie an einem Buch schreibe. Dann wollte die Schwester die ersten Kapitel lesen. Und sie wollte immer mehr. Sie drängte schließlich Stephenie Meyer, einen Verleger zu suchen.

„Twilight Zone“, die Geschichte der 17-jährigen Bella, die von ihrer Mutter aus dem sonnigen Phoenix in das verregnete Nest Forks in Washington zum Vater zieht und sich dort unsterblich in den wunderschönen, aber geheimnisvollen Edward verliebt, erschien 2005 in den USA und wurde sofort ein Bestseller. Die deutsche Übersetzung „Bis(s) zum Morgengrauen“ erschien 2006 bei Carlsen und wurde ebenfalls sofort ein Erfolg. Bella und Edward, ein wunderbares Paar, sie ein ganz normales Mädchen von nebenan und er ein geheimnisvoller, fast zu gut aussehender Junge, der sich als Vampir entpuppt. Eine unmögliche Liebe, die keine Chance zu haben scheint, aber Bella ist gewillt, gegen alle Widerstände diese Liebe zu leben. Edward versucht vergeblich, ihr die Ausweglosigkeit dieser Beziehung deutlich zu machen.

Wer klassische Vampirromane à la Bram Stokers „Dracula“ kennt, wird hier nicht viel Vergleichbares finden. Meyer verfügte, wie sie sagt, nur über das normale „Halloween-Wissen“ und hat dann auch noch die meisten Regeln gebrochen. „Dieser Vampir hat mich gewählt, nicht umgekehrt“, erzählt sie von ihrem Traum. „Er ist von Natur aus böse und will das Böse in sich gleichzeitig bekämpfen. Auch sein Adoptivvater Carlisle, der Arzt, ist gleichzeitig ein Ungeheuer und ein Guter, es besteht immer Hoffnung. Mich faszinieren Personen, die die Widersprüche in sich vereinen, gut und böse, hell und dunkel.“

Was die drei Romane so spannend macht, ist der ewige Kampf zwischen Edward und dem Indianer Jacob vom kleinen Stamme der Quileute, der, wie sich herausstellt, ein Werwolf und damit eigentlich der Feind der Vampire ist. „Jemand musste Bella sagen, dass Edward ein Vampir ist. Ich hatte nach dem regenreichsten Ort in den USA im Internet recherchiert, weil da meine Vampire leben können. So fand ich Forks in Washington. Und ganz in der Nähe, in La Push, liegt das Reservat der Quileute. Sie glauben, dass sie von den Wölfen abstammen und so hat sich meine Geschichte dann weiter entwickelt.“

Mit dem zweiten Buch musste Stephenie Meyer auch die Gesetzmäßigkeiten fortentwickeln, die das Verhältnis zwischen Vampiren und Werwölfen regeln. Im dritten Band „Bis(s) zum Abendrot“, steuert alles auf die Frage zu, ob sich Bella von Edward zum Vampir verwandeln lässt. Seine überirdische Schönheit macht ihn nicht nur zum Schwarm Bellas, sondern zu dem von Meyers Leserschaft. Für wen soll Bella sich entscheiden, für Edward oder Jacob? Das „Bissometer“ auf der „Bella-und-Edward“-Website zählt rund 19 000 Klicks für Edward, nur 2200 für Jacob. Meyer findet, beide Jungs seien eine gute Wahl, sie kann sich selbst nicht entscheiden, aber versteht ihre Fans. „Die Romanze ist doch so aufregend, wenn sie noch ganz unschuldig ist. Wenn man zu schnell mit seinem Freund ins Hotel geht, verpasst man doch unendlich viel. Die amerikanische Jugendliteratur ist voll von den tollen Highschool-Girls mit tollen Modeklamotten, Alkohol und schnellen Autos. Ich zeige die anderen Jugendlichen, sie sind unterrepräsentiert in der Literatur. Ich lasse ihnen Zeit für die Romanze. Ich war wie Bella, ein Bücherfreund, ich liebe Jane Austen. Bücher waren meine Freunde, und ich glaube, Elizabeth Bennet und Jane Eyre verstanden mich besser als meine Freunde.“

Jetzt muss Stephenie Meyer mit ihrem plötzlichen Ruhm leben lernen, aber sie bleibt auf dem Teppich: „Ich liebe es, normal zu sein.“ Am Anfang bekam sie fünf Briefe pro Woche, mittlerweile hat sie eine eigene Abstellkammer für ihre Fanpost. „Sie sind so süß, aber ich kann sie nicht alle beantworten, dass würde länger dauern, als ein neues Buch zu schreiben.“ Mit der Verfilmung ihres Romans ist sie zufrieden. „Ein Film kann das Buch nicht ruinieren. Die Worte bleiben immer." Auf der Website der Gemeinde Forks kann man mittlerweile die Schauplätze der Romane betrachten. Auch die Indianer sind glücklich, denn jetzt sind die 750 Quileute wieder im Gespräch. Stephenie Meyer freut sich über ihren Erfolg und hat noch viele Bücher im Kopf. Und das alles ist das Ergebnis eines Traums.

Stephenie Meyer: Bis(s) zum Abendrot. Übersetzt von Sylke Hachmeister. Carlsen Verlag, Hamburg 2007. 624 S. 22,90 €.

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