Marcel Proust : Der Duft des Weißdorns

Recherche fürs Leben: Die Frankfurter Marcel-Proust-Werkausgabe wird um Nachgelassenes und Wiedergefundenes ergänzt.

Gerrit Bartels
Marcel Proust
Im Schatten junger Männerblüte: Marcel Proust. -Foto: Ullstein Bilderdienst

Für das Kind, das der Erzähler bei Marcel Proust einst war, gab es kein größeres Unglück: allein ins Bett gehen zu müssen und der Mama nicht gute Nacht sagen, von ihr keinen Gute-Nacht-Kuss empfangen zu können. Dann galt es, „zu meinem Zimmer hinaufzusteigen, wie man das Schafott besteigt, galt es, die Fensterläden und Fensterflügel zu schließen, die geöffnet waren, bis ich zu Bett ging und deren Schließen einem eigenhändigen Errichten meiner Kerkermauern gleichkam, galt es, mein eigenes Grab zu schaufeln, in dem ich mein Bett aufdeckte.“

Das Drama des Zubettgehens gehört zur Grundthematik von Marcel Prousts Werk. Es beschäftigte den 1871 geborenen Proust von früh an und findet sich zunächst in dem 1894/95 entstandenen „Bekenntnis eines jungen Mädchens“, wo das Kind die Mutter nur noch in Ausnahmefällen am Bett sieht, „weil es mir allzu große Freude und allzu viel Kummer machte, weil es mich sogar daran hinderte einzuschlafen“. Es findet sich im Romanfragment „Jean Sauteil“, an dem Proust in den folgenden Jahren bis 1902 arbeiten sollte, und es strukturiert die erste Erinnerungskaskade von „Combray“, dem ersten Band von Prousts Hauptwerk „À la recherche du temps perdu“, der siebenbändigen „Suche nach der verlorenen Zeit“, beginnend mit dem legendären Satz: „Longtemps je me suis couché a bonne heure.“

Eine weitere Fassung dieser Einschlafproblematik, dieses Pendelns des Erzählers zwischen der Hölle und dem Paradies, das sich doch noch auftut, gibt es jetzt in einem Supplementband zur Frankfurter Ausgabe der Werke Marcel Prousts bei Suhrkamp. „Nachgelassenes und Wiedergefundenes“ heißt dieser Band in der berüchtigt-bekannten Ausstattung: glatt- violetter Schutzumschlag, fein-dünnes, leicht zu knitterndes Papier, im handlichen Kleinformat durchaus ein haptischer Genuss, aber wie so viele erschwingliche Proust-Ausgaben der Vergangenheit mehr was für robuste Kampfleser (die Proust-Leser neben vielem anderen in der Regel ja sind). Dass es überhaupt einen Supplementband geben würde, zeichnete sich schon vor fünf Jahren ab, als mit „Die wiedergefundene Zeit“ der dreizehnte und eigentlich letzte Band der Frankfurter Ausgabe erschienen war. Damals fragte sich der Zürcher Romanist und Herausgeber Luzius Keller in seinem Editionsbericht weise vorausahnend, „ob dem heutigen Abschied nicht doch in irgendeiner Form ein Wiedersehen folgen wird“. Zu viele Texte des jungen Proust waren seit dem Beginn der Arbeit an diesem editorischen Mammutwerk in den mittleren achtziger Jahren neu zum Vorschein gekommen, zu viele beachtenswerte und von Proust wieder aussortierte Passagen der „Recherche“ hatten in der Frankfurter Ausgabe keinen Platz gefunden.

Folglich teilt sich der Band „Nachgelassenes und Wiedergefundenes“ in zwei Abschnitte: einen größeren mit Entwürfen für die „Recherche“. Und einen kleineren mit Schriften von der Schulzeit an, da Proust am Pariser Lycée Concordet mit seinen Freunden Robert Dreyfus, Daniel Halévy und Jacques Bizet Schülerzeitschriften wie „Le Lundi“ und „Revue lilas“ gründete, endend mit Texten aus dem Umfeld von „Freuden und Tage“, der ersten Buchveröffentlichung Prousts von 1896, sowie „Jean Sauteil.“

Dabei nutzen Keller und seine Mitarbeiter die Gelegenheit zur Korrektur ihrer Annahme, die ersten jemals veröffentlichten Texte Prousts seien in der von ihm 1892 mitgegründeten Zeitschrift „Le Banquet“ erschienen. Proust arbeitete ein Jahr vorher schon bei einer anderen Zeitschrift mit dem Titel „Le Mensuel“ und veröffentlichte hier meist unter Pseudonym Arbeiten über Ausstellungen, Vorträge oder die Pariser Salons.

Da gibt es dann neben eher deskriptiven Feuilletons schon ein Szenario wie das des Paares, das wegen einer Krankheit des weiblichen Parts (Odette!) nicht zusammenkommen kann. Oder der einzige mit Prousts richtigen Namen gezeichnete Text „Aus der Normandie“ mit Überlegungen zum Charakter des Meeres, „das im Rhythmus der Stürme der menschlichen Seele schluchzt (...), das in der Schöpfung der Musik entspricht, da es uns nichts Materielles offenbart und nichts Deskriptives an sich hat und uns wie der monotone Gesang eines ehrgeizigen und ohnmächtigen Willens erscheint“. So wie „Aus der Normandie“ auf die Seestücke in „Freuden und Tage“ und später „Im Schatten junger Mädchenblüte“ verweist, so wie überhaupt dieProsastücke des jungen Prousts Fingerübungen für sein späteres Romanwerk sind, so sind natürlich auch die „Recherche“-Entwürfe“ ein einziges Dejá-Vu: seien es die Einschlaf- und Aufwachszenen, seien es der Tod der Großmutter oder der „Geist der Guermantes“. Oder seien es die großen Heimsuchungen der Erinnerung: der Geschmack der Madeleine, der Duft des Weißdorns, das Geräusch eines Löffels, der gegen einen Teller geschlagen wird.

„Nachgelassenes und Wiedergefundenes“ ist so vor allem auch der Ergänzungsband zu dem von Proust 1908 begonnenen, in einer Art Textsammlung 1954 erstmals auf Deutsch veröffentlichten und 1997 in der Frankfurter Ausgabe neu arrangierten Romanessay „Gegen Sainte-Beuve“. Ursprünglich wollte sich Proust damit gegen den Großkritiker und Moralisten Charles-Augustin de Saint- Beuve richten. Der lehnte einen seiner Meinung nach ausschließlich dekadenten Autor wie Proust ab und hielt ihn ungeeignet dafür, „einer großen sozialen Bewegung zu dienen“.

Die Notizen zur Widerlegung Sainte-Beuves wuchsen Proust jedoch schnell zu großen Materialbergen aus, zu Erinnerungen an die Mutter, diversen Porträts und weiteren Essays über Flaubert, den Pariser Adel und so weiter. „Soll ich daraus einen Roman machen, eine philosophische Studie“ fragte er sich, „bin ich ein Romancier?“ Es wurde daraus die „Recherche“, deren Gesamtplan er früh vor Augen hatte und deren erster Teil 1913 erschien, von Proust selbst finanziert.

Anders als „Gegen Sainte-Beuve“, wo es dem Herausgeber der Frankfurter Ausgabe mit den verschiedenen Entwürfen um die Textgenese ging, den letztgültigen, von Proust vorgesehenen Text, dokumentiert dieser Supplementband hauptsächlich von Proust Verworfenes und ordnet dieses der möglichen Stellung im Romanganzen zu. So ergibt sich ein ideales Proust–Lesebuch, mit dem es sich auf den Grund der „Recherche“ schauen lässt. Es enthält eine Art Blaupause von „Combray“ bis „Die wiedergefundene Zeit“ und beinhaltet mit den vielen ausführlichen Anmerkungen und Kommentaren Querverweise zum gesamten Werk (wobei der Ehrgeiz von Keller und Co beeindruckt, auch die in der französischen Plejade-Ausgabe als „nichtleserlich“ gekennzeichneten Stellen der Proust-Manuskripte zu entziffern, teilweise erfolgreich).

Selbst für Proust-Beginner könnte der Band mit seinen vielen Kleinoden ein Lesevergnügen darstellen, vielleicht gar ein Einstieg sein, auch der elastischen Übersetzung wegen, die sich im ständigen Kampf mit der Proust-typischen syntaktischen Uferlosigkeit und sein semantischer Überschwang befindet. Denn mögen hier Bruchstücke versammelt sein und für Erstleser auch in ihrer werkimmanenten Anordnung nicht auf Anhieb ein Ganzes ergeben, so funktioniert doch so mancher Text ganz von allein: Etwa „Der Tag erwacht“ mit seinem Wahrnehmungsfetischismus. Oder ein Stück wie „Halbschlaf“, in dem der Erzähler beim Zugfahren Fantasien unbekannter Art hat und erkennt, dass sich schlafende und wachende Vernunft einfach in die Quere kommen müssen, „damit im Zwielicht dieser neuen Vertiefung die unverständliche Erzählung schnell, so schnell, und leise, so leise, summen kann“.

Am Ende bleibt einmal mehr ein großes Staunen ob dieses gewaltigen Werkes. Ob der Aufhebung des Todes innerhalb eines Kunstwerkes, wie es Proust hier gelungen ist, unter Zuhilfenahme des Zusammenspiels von Zeit, Gewohnheit und Erinnerung. Und es bleibt die Einsicht, dass die Beschäftigung mit Proust genauso eine philologische Lebensaufgabe ist wie einen die Lektüre seiner Bücher ein Leben lang beglückend begleiten kann. Zumal bei den zweiundzwanzig Bänden mit Prousts Briefwechsel, die in Frankreich bei Gallimard vorliegen, eine kommentierte Briefausgabe in welchem Umfang auch immer auf den deutschsprachigen Leser noch wartet.

Marcel Proust: „Nachgelassenes und Wiedergefundenes“. Aus dem Französischen von Melanie Walz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2007, 700 S. , 49, 80 €

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