Margaret Atwood : Liebe ist Gefressenwerden

Nicht nur für Müslifans: In Margaret Atwoods Roman "Das Jahr der Flut" steht die Sekte der "Gottesgärtner" im Mittelpunkt.

Oliver Pfohlmann
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Margaret Atwood. Die Schriftstellerin gilt als die wichtigste und erfolgreichste Autorin Kanadas.Foto: Lars von Törne

Das Reich des ewigen Friedens ist nahe. In der Zukunft, die uns erwartet, wird der Löwe tatsächlich beim Lamm wohnen, wie einst vom Propheten Jesaja verkündet. Nur dass sich das „Löwamm“, ein von Gentechnikern im Auftrag der „Jesajaisten“ erschaffener „Löwe-Schaf-Spleiß“, ein wenig anders verhält, als es die Endzeitsekte erwartet – Vegetarier ist es jedenfalls nicht.

Anders als die Jesajaisten haben die „Gottesgärtner“ den Glauben an die Technik verloren. Die Sekte steht im Mittelpunkt von „Das Jahr der Flut“, dem neuen dystopischen Roman von Margaret Atwood, die am 18. November ihren 70. Geburtstag feiert. Die liebenswerten Ökofreaks fangen irgendwann Mitte oder Ende des 21. Jahrhunderts an, auf den Dächern der verslumten Großstädte Nordamerikas Gärten anzulegen. Unter der von keiner Ozonschicht mehr gefilterten Sonne und inmitten einer nur noch von privaten Konzernen kontrollierten Konsumgesellschaft wollen sie wieder in Einklang mit Gottes Geboten leben. Auf ihren Dächern erinnern die Gärtner an ausgerottete Tierarten und ihre „Heiligen“ (bekannte und weniger bekannte Naturforscher und Umweltaktivisten), siedeln, wenn nötig, selbst Ratten um und knabbern friedlich ihre Soja-Bits. Wer zu ihnen gehören will, muss ein „Vegelübde“ ablegen. „Iss niemals etwas mit einem Gesicht“ lautet ihr Motto, „Du Fleischatem“ ihr schlimmstes Schimpfwort.

Keine Frage, im Zeichen des Treibhauseffekts besitzen die durchaus humorfähigen Gärtner Kultpotenzial, nicht nur im Roman, auch in der Realität. Auf Yearoftheflood.com können sich Leser Gärtner-Songs anhören, „Heilige“ vorschlagen und den eigenen „ökologischen Fußabdruck“ berechnen. Doch ist der Roman mehr als Lesefutter für Möchtegernweltretter und Müslifans, er ist, auch wenn das die Autorin, die den Begriff „spekulative Fiktion“ vorzieht, ungern hört, Science Fiction vom Feinsten.

Bei den Konzernen wie dem Sicherheitsunternehmen CorpSeCorps gelten die Gottesgärtner lange als harmlos. Eine Fehleinschätzung. Die Gärtner, unter ihnen viele ehemalige Wissenschaftler, wissen zwar nicht, woher die Felle stammen, mit denen sich in der Schöpfungsgeschichte Adam und Eva bekleideten. Aber über das bizarre Treiben in den Konzernlabors sind sie, dank einer wachsenden Schar von Sympathisanten auf allen Ebenen, bestens informiert.

Vielleicht aber haben sie auch „Payback“, Atwoods letztjährigen Beitrag zur Finanzkrise gelesen, einen kulturhistorischen Ausflug zur Metaphysik des globalen Schuldenwahns, und wissen daher, dass dem, der über seine Verhältnisse lebt, eines Tages die Rechnung präsentiert wird. Ihre an die radikale Tierethik Peter Singers erinnernde Botschaft von den Rechten unserer Mitgeschöpfe und der Gleichrangigkeit des Tiers gegenüber dem Menschen verbreiten die Gärtner so lange, bis sie dem CorpsSeCorps zu mächtig werden und bis sich ihre Prophezeiung von einer reinigenden Pandemie („der wasserlosen Flut“) erfüllt: Im Jahr 25, dem Jahr der eigentlichen Handlung, hat eine Epidemie tatsächlich fast die ganze Menschheit ausgelöscht.

Ein paar Überlebende inmitten der Überreste einer ausgelöschten Zivilisation: Man kennt das Szenario aus Romanen wie Grass’ „Rättin“ oder Cormac McCarthys „Die Straße“ und diversen Hollywoodsfilmen. Aber auch aus Atwoods Werk, denn der neue Roman der kanadischen Autorin erzählt auf faszinierende Weise noch einmal und aus anderer Perspektive die Geschehnisse ihres Romans „Oryx und Crake“ (2003). Darin will ein genialer Forscher die Biosphäre retten, indem er sie mittels einer Seuche von ihrer größten Plage befreit, dem Menschen. Und ihn durch einen um den Aggressionstrieb und die Qualen der Liebe erleichterten transgenen Neo-Menschen ersetzt – womit sich Atwoods utopischer Feminismus überraschend mit dem zynischen Romantiker Michel Houellebecq trifft. Aber dass das friedliche Völkchen mit den neckisch blau leuchtenden Geschlechtsorganen den Weg in die Zukunft weisen soll, ist kaum anzunehmen. Eher liegt die Botschaft dieser Breitwand-Apokalypse mit Pageturner-Qualitäten in Freundschaft und – weiblicher – Solidarität, wie sie sich in der schwesterlichen Beziehung zwischen Toby und Ren, den beiden Protagonistinnen, manifestiert. Männer dagegen erscheinen bei Atwood, vom Sektengründer Adam Eins und dem Grünenguerillero Zeb abgesehen, in erster Linie als „degenerierte Bonobo/Karnickel-Spleiße“.

Die toughe Toby und die junge, einsame Ren stießen beide unabhängig voneinander zu den Gärtnern, beide mussten die Sekte später gegen ihren Willen wieder verlassen, verdanken ihr Überleben nach Ausbruch der Seuche aber nicht zuletzt ihren dort gelernten Survivaltechniken. Toby überlebt in einer Beauty-Farm, wo sie Vorräte für den Ernstfall versteckt hat; Ren eingeschlossen im Quarantäneraum eines Hightechbordells. Ist das Was, die Pandemie, vom ersten Satz an klar, so schürt Atwood um so geschickter die Wie-Spannung: Es sind die einander abwechselnden Erinnerungen der beiden Frauen, die die Ereignisse der letzten 20 Jahre bis zum Tag der Seuche rekapitulieren, von dem erst auf Seite 312 berichtet wird.

Dass beide Frauen nach der Katastrophe ihre vegetarischen Ideale erst mal verabschieden müssen, dass sich auch andere überlebende Gärtner nur mit Gewalt gegen halbintelligente Schweine und transgene Monsterhunde zur Wehr setzen können (obwohl die Gärtnerphilosophie das Gefressenwerden, anders als das Fressen, als Akt der Liebe feiert), und sie froh sind über die noch in den Regalen liegenden Genfoodtüten der Konzerne, gehört wohl zu Atwoods Ironie.

Margaret Atwood: Das Jahr der Flut.

Roman. Aus dem Englischen von Monika Schmalz. Berlin Verlag, Berlin 2009.

480 Seiten, 22 €.

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