Martin van Creveld : Die Sieglosigkeit der Übermächtigen

Martin van Creveld erklärt, warum die wichtigste Waffe in modernen Kriegen die Sprache ist.

Bruno Preisendörfer

Es ist eine alte und schlechte Gewohnheit der Militärtheoretiker, den Krieg mit Metaphern zu personifizieren. Schon in der Antike wurde er als „Vater aller Dinge“ bezeichnet, und noch heute wird vom „Gesicht des Krieges“ gesprochen. So auch im Titel eines im englischen Original 2007 erschienenen Buchs des in Israel lebenden und lehrenden Militärhistorikers Martin van Creveld. Der Umschlag der deutschen Ausgabe wird von 16 militärischen Kopfbedeckungen verziert, vom Ritterhelm über Pickelhaube und Stahlhelm bis zum elektronischen Helm des Cyberkriegers.

Das Buch so zu gestalten war eine hübsche Idee – und eine verräterische zugleich: Unter den Helmen fehlen die Gesichter. Die Soldaten, um die es eigentlich zu gehen hätte, werden von diesem auf gedankenlose Weise „originellen“ Cover einfach ausgeblendet. Dabei handelt Crevelds Text bei allen Auskünften über die Infrastruktur des Krieges, über Stahlquoten, Mobilisierungsmethoden, Kampf- und Kommunikationstechnologien genau davon: Was bedeutet das für die Soldaten?

Mit dieser Frage hängt aufs Engste zusammen, was Creveld in den beiden Schlusskapiteln beschäftigt: Warum sind übermächtige Apparate wie die Streitkräfte der Vereinigten Staaten weder im Irak noch in Afghanistan in der Lage, mit Aufständischen fertig zu werden, die buchstäblich mit den Händen kämpfen? Und mit ihren Herzen, Köpfen und Gesichtern, möchte man hinzufügen, seien die Herzen auch verbittert, die Köpfe verdreht und die Gesichter gezeichnet.

Schon in seinem Anfang der 90er entstandenen und 1998 auf Deutsch erschienenen Buch über „Die Zukunft des Krieges“ hatte Creveld behauptet, „dass die mächtigsten modernen Streitkräfte schon jetzt für einen modernen Krieg weitgehend bedeutungslos sind“. 2003 marschierte die amerikanische Armee dann so schnell in Bagdad ein, dass sie von der eigenen Geschwindigkeit überrascht war. Aber so schnell man hineinkam, so langsam kommt man wieder heraus. Die stärkste Macht aller Zeiten, die ihre Militärausgaben auf den höchsten Stand seit Ende des Zweiten Weltkriegs gesteigert hat, war und ist nicht in der Lage, nach dem kurzen Sieg im Irak einen langen Frieden zu garantieren.

„Die Zukunft des Krieges“ war Crevelds Nachruf auf die „ungeheuren Kampfmaschinen“ der Imperien des neunzehnten und der Supermächte des zwanzigsten Jahrhunderts. In „Das Gesicht des Krieges“ besichtigt er noch einmal den Leichnam. Vier der sieben Kapitel beschäftigen sich mit dem dreißigjährigen Krieg, als der die beiden Weltkriege von vielen Historikern inzwischen zusammengefasst werden.

Das fünfte Kapitel ist dem Kalten Krieg und der nuklearen Abschreckung gewidmet, die bisher mit viel Glück funktioniert hat – was nicht heißt, dass sie auch in Zukunft funktionieren wird. Das sechste und das siebte Kapitel schließlich beschreiben den Krieg in der Epoche der „Neuen Weltordnung“ und reformulieren die Vorhersagen aus der „Zukunft des Krieges“.

Sie lassen sich so zusammenfassen: Künftig werden die meisten militärischen Auseinandersetzungen nicht mehr zwischen den geordneten Armeen souveräner Nationalstaaten ausgekämpft. Vielmehr stehen diese Armeen nunmehr von Warlords geführten Kampfverbänden, dezentral operierenden Terrororganisationen und feindseligen Bevölkerungen gegenüber, Bevölkerungen, die man befreien wollte, aber nicht befrieden kann.

Gibt es aus dieser Situation einen Ausweg, fragt Creveld, „oder sind reguläre, staatliche Armeen zukünftig zur Ohnmacht gegenüber kleinen, häufig schlecht organisierten Gruppen von Terroristen verdammt?“ Die Antwort bleibt uneindeutig. Aber er lässt keinen Zweifel daran, dass zu einer wirklichen Befriedung Maßnahmen notwendig sind, die sich eigentlich von selbst verstehen sollten, weil man ohne sie den Feind nicht versteht.

Kurz gesagt: Die Sprache ist in den Konflikten der „neuen Weltordnung“ die wichtigste Waffe, weil sie zugleich das wichtigste Mittel ist, ihren Einsatz zu vermeiden. In Crevelds Worten: Bei „jeder Form menschlicher Aktivität, auch im Krieg, ist die Sprache das weitaus wichtigste Werkzeug.“ Im Irak beispielsweise haben trotz der Computer nicht die US-Soldaten die „Informationsdominanz“, sondern die Untergrundkämpfer. Und zwar deshalb, weil viele Iraker wenigstens ein rudimentäres Englisch sprechen, mithin die Amerikaner verstehen, während nur sehr wenige Amerikaner ihrerseits die Iraker verstehen können.

Nicht jedes neue Buch bietet neue Erkenntnisse. Das gilt auch für dieses. Und leider führt das Prinzip Textbaustein zu dem Eindruck, sein Argumentationsweg bestehe aus einzelnen unverbundenen Platten. Dass des Weiteren er und sein Übersetzer keine eleganten Stilisten sind, merkt man daran, dass sie alles mögliche in „Kinderschuhe stecken“, Luftwaffen und Giftgase zum Beispiel. Die in diesem Buch eingenommene Perspektive macht es dennoch lesenswert.

Martin van Creveld: Die Gesichter des Krieges. Der Wandel bewaffneter Konflikte von 1900 bis heute. Aus d. Englischen von Norbert Juraschitz. Siedler, München 2009. 352 S., 22,95 €.

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