Literatur : Mehr Mut zum Ich

Michael Gerard Bauer erzählt vom großen Problem, Selbstvertrauen zu gewinnen

Ulrich Karger

Wenn es nach dem 14-jährigen Ismael Leseur ginge, hätte der Roman „Moby Dick“ nicht geschrieben werden müssen oder sein Autor Herman Melville wenigstens den ersten Satz streichen und dem fiktiven Erzähler einen anderen Namen geben können. „Nennt mich Ismael“ – diesen Satz kennt jeder, der den Roman gelesen oder der einen Grundkurs in Amerikanischer Literatur besucht hat. Alle, die ihn kennen, insbesondere die Lehrer, finden deshalb Ismaels Vornamen „interessant“.

Aber das ist nur das Zweitschlimmste. Weit schlimmer sind die daraus resultierenden Gemeinheiten, zu denen ein Barry Bagsley nebst applaudierendem Anhang sich nun gezwungen sieht. Es beginnt mit der Verhunzung des natürlich keineswegs „interessanten“ Namens und mündet in andauernden Terror. In der neunten Klasse möglichst aus Barrys Blickfeld zu geraten, ist da für Ismael die einzige Überlebensstrategie – und als ein neuer Schüler namens James Scobie kommt, scheint Ismael auch auf längere Sicht endlich Ruhe vor Barry gefunden zu haben ...

Nach „Running Man“ hat der australische Autor Michael Gerard Bauer mit „Nennt mich nicht Ismael!“ bereits seinen zweiten preisgekrönten Jugendroman vorgelegt.

Mobbing in der Schule ist ein Thema, seit es diese Bildungseinrichtung für Kinder gibt – und bleibt es offenbar auch noch bis auf weiteres. Nicht wenige Autoren haben sich bereits daran abgearbeitet. Hilflos den Bosheiten der Mitschüler ausgeliefert und meist ohne Chance auf Unterstützung durch die Lehrkräfte, müssen Schüler wie Ismael Leseur ums tägliche Überleben in der Klasse und auf dem Nachhauseweg kämpfen. Das führt entweder in den Eskapismus einer „Unendlichen Geschichte“ (Michael Ende) oder gleich nach Hogwarts zu Harry Potter, der nach und nach seine beträchtlichen Zauberkräfte zu entfalten weiß. Ismael hingegen lernt James Scobie kennen, einen Jungen, der nach einer Hirntumoroperation zwar einige Gesichtsticks aufweist, aber sich zugleich durch Angstfreiheit und bestechende Rhetorik auszeichnet, was zusammengenommen selbst einen Barry Bagsley entwaffnet. Ismael bekommt schon Panikattacken, wenn er nur vor der Klasse reden soll – und gerade ihn will James Scobie in seinen Debattier-Club aufnehmen, der sich dann mit anderen Schulen Wettkämpfe liefern wird. Vorerst nur als Hintergrundrechercheur, doch als James wegen einer neuerlichen Untersuchung ausfällt, muss Ismael auch als Redner einspringen.

Michael Gerard Bauer gelingt es in seiner Geschichte, immer wieder Erwartungen zu unterlaufen – so besteht zwar das sich zusammenraufende Debattier- Team, laut Barry, aus lauter Verlierern, vermag sich am Ende aber gegenseitig zu fördern – doch Ismael wird nun keineswegs zu einem begnadeten Rhetoriker. Immerhin vermag er dann einen akzeptablen Beitrag für die Wettkämpfe zu leisten sowie Barry Bagsley ins Schwitzen zu bringen, dabei aber dennoch generös zu bleiben. Und noch etwas entwickelt sich wider Erwarten wunschgemäß – doch das soll hier nicht verraten werden.

Natürlich verlangt auch die Dramaturgie dieser Geschichte nach einigen Zufällen und Auslassungen, die kein Schritt- für-Schritt-Rezept gegen die Barry Bagsleys dieser Welt herauslesen lassen. Ihrer brachialen Beschränktheit rückt der Autor letztlich nur mit Wortwitz zu Leibe – einem Wortwitz allerdings, der mit Selbstironie und Salto schlagender Situationskomik (und dank der einfühlsamen Übersetzung!) auch erwachsene Leser zum Lachen bringen kann.

Dieses Lachen macht dann auch den Weg frei für die Quintessenz, mit erlernbarer Redegewandtheit das Selbstwertgefühl zu steigern – und das ist jedenfalls von mehr Realitätssinn gespeist als die Suche nach einem passenden Zauberstab.



Michael Gerard Bauer:
Nennt mich nicht Ismael! Erzählung. Aus dem Englischen von Ute Mihr. Hanser Verlag, München 2008. 302 Seiten. 12,90 Euro.

Ab 13 Jahren.

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