Messegespräch : Am Weltenrand

Frankfurter Buchmesse: Reden ist besser als lesen.

Gerrit Bartels

Das Grundgefühl auf einer so riesigen Buchmesse wie der Frankfurter ist das einer ständigen Überforderung. 380.000 Bücher auf 172.000 Quadratmetern, ganz klar, da weiß man, was alles nicht geht. Aber ob man sich nun besser die Andere Bibliothek mit ihren neuen Herausgebern Klaus Harprecht und Michael Naumann vorstellen lässt oder die „Göttinger Ausgabe“ von Günter Grass, laut Verlag die „Referenz-Edition der Grass-Werke“. Ob man nun ein Gespräch mit Joschka Fischer oder eines mit Bodo Kirchhoff verfolgen soll – all das kann einen in schwere Entscheidungsnot bringen. Beruhigung verschafft Pierre Bayard mit dem Buch „Wie man über Bücher spricht, die man nicht gelesen hat“. Bayard erklärt Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zu einem der meist-nicht-gelesenen Bücher und zitiert einen Bibliothekar: „Sie wollen wissen, wieso ich jedes Buch kenne? Das kann ich Ihnen nun allerdings sagen: weil ich keines lese.“

Übersichtlicher als in den Messehallen geht es in der Partyzone zu. Der Hot Spot in dieser Saison: der rappelvolle Empfang der Frankfurter Verlagsanstalt in Joachim Unselds Haus in Bockenheim. Das Haus hat ziemlich viel Ähnlichkeit mit dem von Unselds Vater Siegfried, aber anders als bei den Kritikerempfängen dort geben sich beim Sohnemann gern auch die Sternchen von Naddel bis Hannelore Elsner die Klinke in die Hand. Dieses Jahr mit dabei: Katja Kessler, um die sich „Spiegel“-Kulturchef Matthias Matussek kümmert und deren Roman er als „wirklich großen Schlüsselroman des Boulevardjournalismus“ bezeichnet. Das hat schon was, als die danebenstehende Schriftstellerin Christa Hein damit nichts anzufangen weiß und aufgeklärt werden muss, dass Kessler mit der Pin-up-Mädchen-Prosa auf Seite 1 der „Bild“ bekannt geworden ist. Hein freut sich später, dass man den Titel ihres Familienromans „Vom Rand der Welt“ kennt, erklärt aber im Unseld-Trubel: „So fühle ich mich hier auch“. 

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