Michael Chabon : Der kurze Abschied

Stetl in Alaska: Für "Die Vereinigung jiddischer Polizisten" von Michael Chabon stand offenbar "Pulp Fiction" Pate - aber ohne gute Fiction.

Alexander Leopold

Was hat der amerikanische Autor Michael Chabon nicht schon für großartige Bücher geschrieben! „Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier & Clay“ zum Beispiel. Darin erzählt er auf über achthundert Seiten vom goldenen Zeitalter der Comickultur und entwirft nebenher ein schillerndes Panorama des Amerikas der vierziger und fünfziger Jahre. Den flotten, seinerzeit mit Michael Douglas in der Hauptrolle verfilmten Campus- und Schriftsteller-inder-Krise-Roman „Wonderboys“. Oder auch den mit Hingabe und Detailfreude erzählten Jugendroman „Sommerland“, in dem ein Baum die ganze Welt darstellt – und auf seinen Zweigen wachsen diverse Parallelwelten.

Michael Chabon stellt mit seinen Büchern gern unter Beweis, wie sehr er die Trivialkultur liebt: Comics, Krimis, Pop. Und er versteht es meisterhaft, künstliche Welten zu erschaffen, die enorm realistisch anmuten. Auch sein neuer, leider nur halbgroßartiger Roman „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ spielt in einer Kunstwelt: in einer jüdischen Stadt in Alaska, dem Distrikt Sitka, der 1948 gegründet wurde und vom amerikanischen Kongress einen „Interimsstatus“ als Bundesdistrikt gewährt bekam.

Nun aber, hier setzt Chabons Erzählung ein, fällt der Distrikt an die USA zurück, von den Bürokraten „Reversion“ genannt, und all die Holocaustüberlebenden und ihre Nachkommen müssen wieder sehen, wo sie unterkommen. Einer von ihnen ist der Polizist Meyer Landsman, ein Ermittler von der Beschaffenheit eines Philip Marlowe oder den desperaten Figuren eines Jim Thompson. Landsman ist Trinker, wurde gerade von seiner Frau verlassen, lebt in einem heruntergekommenen Hotel, dem Zamenhof, und schleppt auch sonst schwere, unaufgearbeitete seelische Lasten mit sich herum: eine tote Schwester, ein ungeborenes Kind, ein schwieriges Verhältnis mit seinem ebenfalls verstorbenen Vater.

Dass Landsman sich für die „Reversion“ nicht über die Maßen interessiert, verwundert bei alledem nicht. Doch hat er auch noch einen verzwickten Fall zu klären: In seiner Absteige wird ein heroinsüchtiger Schachspieler ermordet aufgefunden, und die Suche nach dem Mörder führt ihn tief in die Halb- und Unterwelt und in die Kreise ultraorthodoxer Juden.

Es ist selbstverständlich beeindruckend, wie es Chabon gelingt, dem Leser seinen Distrikt Sitka plastisch vor Augen zu führen. Schnell hat man sich eingerichtet in dieser Mischung aus Alaska, Manhattan und galizischem Stetl, in den Straßen, Bars und Wohnanlagen, mitsamt ihren Gerüchen, Geräuschen und Farben. Schnell sympathisiert man auch mit den skurrilen, eigensinnigen Figuren, mit Landsmans Ex-Frau Bina Gelbfish zum Beispiel, mit seinem Kompagnon Beret Shemets und dessen Familie, mit dem kleinwüchsigen Polizeiinspektor Dick, mit dem wundersamen „Zimbalisten“ und mehr.

Und doch tritt Chabons Roman trotz all dieser Vorzüge praktisch nach dem ersten Drittel komplett auf der Stelle, die Lektüre wird zunehmend beschwerlich, hartknabberig. Denn was im Verlauf auf der Strecke bleibt, ist die Geschichte. Diese ist immer hart dran am Fall, verknäult sich zwar, kommt aber über die Gepflogenheiten des Krimigenres nicht heraus. Etwaige alternative Handlungsstränge? Die Entwicklung komplexer Charaktere aus der Tiefe von Zeit und Raum oder wenigstens vor dem Hintergrund der hier durchaus intensiv sich zeigenden unterschiedlichen jüdischen Identitäten? Alles Fehlanzeige. Auch Landsman bleibt eindimensional. Er ackert sich durch die Szenen, die nur notdürftig verbunden sind. Sie lassen sich überspringen, laden zum Einklicken und Wegzappen förmlich ein.

Chabon will immer ein bisschen zu viel des Guten, baut immer eine Kulisse mehr auf als nötig, ist oft eine Spur zu verliebt in seine sprachlichen Einfälle. Stil ist ja wichtig, davon hat ja auch Chandler gelebt, dem Chabon hier in einer Szene seine Reverenz erweist. Doch selbst wenn Chandlers Plots mitunter hanebüchen waren, zuende gelesen hat man seine Bücher alle. Das Setting von „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“ ist ein ästhetischer Genuss – aber man will nicht wirklich wissen, warum der Junkie, der sich als Ex-Messias entpuppt, umgebracht wurde und was es mit der Verschwörung von US-Regierungsstellen mit religiösen Fanatikern auf sich hat.

Chabons Roman erinnert zum Ende hin mehr und mehr an Tarantinos „Pulp Fiction“ – nur ohne gute Fiction. Und dass die Gebrüder Coen sich schon die Filmrechte gesichert haben, passt zwar gut, gewissermaßen von skurril zu skurril. Doch auch für die Coens dürfte es schwer werden, aus diesem Roman eine tragfähige Geschichte zu destillieren. Neunzig Minuten können ganz schön lang sein.

Michael Chabon:

Die Vereinigung

jiddischer Polizisten.

Roman. Aus dem

Amerikanischen von

Andrea Fischer.

Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008. 422 Seiten, 19, 95 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben