Literatur : Mikrofone in der Mannschaftsstube

Im Dienste der Partei: Matthias Rogg über die Militarisierung der DDR

Hannes Schwenger

Wo Erich Honecker recht hatte, hatte er recht: Bei einem Truppenbesuch 1978 stellte er fest, es gebe „keinen Bereich unseres gesellschaftlichen Lebens, der nicht von den Belangen der Landesverteidigung durchdrungen ist.“ Tatsächlich begann nicht nur die Wehrerziehung der DDR im Kindergarten und in der Schule, sondern die Nationale Volksarmee (NVA) war auch in der Arbeitswelt ständig im Einsatz, um Planlücken zu schließen und Erntehilfe zu leisten. Während der Schneekatastrophe 1978/79 wäre das öffentliche Leben ohne ihren Einsatz zum Erliegen gekommen; im letzten Jahr der DDR 1989 war sie als Nothelferin „in der Produktion“ so gefragt, dass fast ein Drittel der Streitkräfte Zivilarbeit in Uniform leistete.

Dabei ging es dann nur noch im übertragenen Sinn um Belange der Landesverteidigung, wenn vor allem die Planerfüllung „mit Schaufel und Hacke“ verteidigt wurde. Im Krisenjahr 1989, so schätzt der Militärhistoriker Matthias Rogg in seiner Habilitationsschrift über Militär und Gesellschaft der DDR, waren rund 16 000 Soldaten allein in der Produktion tätig – mehr als die insgesamt 12 000 „Bausoldaten“, die von 1964 bis 1989 eine Art Ersatzdienst in Uniform leisteten. Das übrigens war eine Ausnahme im gesamten Ostblock, dessen Armeen sonst keine Alternative zum Wehrdienst kannten. In einem gewissen Sinne waren sie alle „Armeen des Volkes“, wenn Matthias Rogg bei Befragungen ehemaliger DDR-Soldaten meist die Antwort erhielt: Ja, Armee des Volkes sei die NVA „auf alle Fälle“ gewesen - „denn alle, die das Alter erreicht hatten, mussten ja dienen.“

Viel mehr war am Ende der DDR von der vielbeschworenen „Verbundenheit zwischen Volk und Armee“ auch nicht geblieben, wenn selbst volkseigene Meinungsforscher im November 1989 feststellen mussten: „Das Vertrauen in die Parteiführung ist zerbrochen.“ Damit war das Ende der NVA fast schon angesagt, die ja – nach Matthias Roggs Feststellung – „nie eine Armee des Volkes, sondern Armee in Dienst der Partei“ war. Dafür bezeichnend war, dass in der NVA jeder Soldat mit „Genosse“ angesprochen wurde, auch wenn er der SED nicht angehörte. Und es war auch kein Zufall, dass die Führungspositionen der NVA fast zu hundert Prozent mit Kadern der SED besetzt waren; Mitglieder der Blockparteien oder Parteilose hatten „keine Chance, Berufskader zu werden, geschweige denn in Führungspositionen aufzusteigen“. Das mag ideologisch konsequent gewesen sein, war aber angesichts mäßiger Werbeerfolge und hoher Fluktuation bei jungen Berufssoldaten kontraproduktiv. Während der gesamten Geschichte der NVA sei die Armeeführung „den selbst gesteckten Zielen der Nachwuchsgewinnung hinterher“gelaufen. Allerdings weniger aus ideologischen, sondern aus sehr persönlichen und sachlichen Gründen: Für die meisten Zeit- und Berufssoldaten war der propagierte Ehrendienst menschlich und beruflich enttäuschend. Nicht nur das Verhältnis zu Vorgesetzen entsprach selten sozialistischen Idealen, auch lange Dienstzeiten, Wohnungsnöte und mäßige Löhnung gaben Anlass zur Unzufriedenheit.

In den achtziger Jahren gab es immer weniger Offiziersbewerber und noch weniger für die Unteroffizierslaufbahn. Schon 1977 ermittelte das Institut für Meinungsforschung des SED-Zentralkomitees, dass nur zwölf Prozent der künftigen Soldaten überwiegend Positives von ehemaligen Armeeangehörigen über die NVA gehört hätten. Zwei Jahre später erklärte ein Viertel aller befragten Jugendlichen, warum sie keinen militärischen Beruf ergreifen wollten: „Weil Bekannte, die bei der NVA gedient haben, davon abraten.“ Die am häufigsten genannten Gründe waren die Einschränkung persönlicher Freiheit (47 Prozent), der Widerspruch von Ehefrau oder Freundin (29 Prozent) und – vom Hörensagen – der „Umgangston und die Beziehungen zwischen den Angehörigen der NVA“ (12 Prozent). Die waren erst recht problematisch zwischen Rekruten, besonders zwischen Neulingen und längergedienten Wehrpflichtigen. Das Problem war in der NVA unter dem Stichwort EK geläufig: gemeint war die Tyrannei der Entlassungskandidaten gegenüber den Neulingen, im Politjargon als „gestörte sozialistische Beziehungen“ beschönigt. Durchaus realistische Beispiele zeigt Leander Haußmanns Film „NVA“, in dem ein neuer Rekrut in den Putzspind gesperrt und ein anderer an seinem Koppel am Spind aufgehängt wird. Worüber sich westdeutsche Kinobesucher amüsieren, war und ist für gediente Wehrpflichtige der NVA überhaupt nicht komisch.

Dass derlei Missstände und Missbefindlichkeiten den Verantwortlichen bekannt waren, davon darf man ausgehen. Schließlich betrieb nicht nur das Zentralkomitee Meinungsforschung, sondern auch das Ministerium für Staatssicherheit, dessen Mikrofone in den „Wandschwein“ genannten Zimmerlautsprechern der Mannschaftsstuben versteckt waren. So wurden die Rekruten mit DDR-Sendern zwangsbeschallt und gleichzeitig abgehört. Die Stasi war eben nicht nur Schild und Schwert, sondern auch Seismograf der Partei. 1989 musste sie der Parteiführung melden, dass nach den Botschaftsfluchten die Hälfte der Soldaten der Meinung waren, „jeder sollte selbst entscheiden, wohin er gehen will.“

Das Feindbild der Truppe war schon seit dem Grundlagenvertrag und dem Helsinki-Prozess so weit verblasst, dass am Ende selbst die Grenztruppen „ablehnende Haltung zum Dienst und (…) zur Anwendung der Schusswaffe in genereller Form“ zeigten. Da half es nicht mehr, dass die Medien der DDR zu Militärpropaganda verpflichtet waren und dass die NVA als einzige Armee des Ostblocks über eigene Medien – Filmstudios und einen Verlag – verfügte. Umso erstaunlicher übrigens, dass dieser Verlag 1965 unter seinen Kriegsromanen ein geradezu pazifistisches Buch wie Klaus Poches Roman „Der Zug hält nicht im Wartesaal“ publizierte. 1978 konnte Poches Roman „Atemnot“ über das Ersticken kritischer Stimmen in der DDR nur noch im Westen – gefolgt von seinem Autor – erscheinen. In diesem Buch bringt der Erzähler sein bisheriges Leben auf den Satz: „Marschieren gelernt, nicht laufen gelernt.“ Zu keinem anderen Schuss kommt Matthias Rogg über die ganze Volksarmee.

– Matthias Rogg: Armee des Volkes? Militär und Gesellschaft in der DDR. Chr. Links Verlag, Berlin 2008. 688 Seiten, 39,90 Euro.

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