Miljenko Jergovic : Der Totengräber erzählt

Mit den ungesagten Wörtern verschwindet die Welt: Der Bosnier Miljenko Jergovic und seine Geschichten "Sarajevo Marlboro"

Nico Bleutge

Vielleicht ist das Leben nur solange wichtig, solange man weiß, dass man lebt. Und vielleicht gibt es Hunderte von Möglichkeiten, am Leben zu bleiben. Hauptsache, so meint der Erzähler, man hat sein Leben geliebt – und der Tod hat einen erwischt wie eine Kugel im Flipperkasten, unzählige Male schießt man sie zurück ins Spiel und hätte noch viel mehr Punkte holen können, aber es wollte nicht klappen. Es ist kein anderer als ein Totengräber, der hier spricht, ein Totengräber, der in seiner Arbeit weit mehr sieht als nur ein Handwerk, der weiß, warum er die Gräber für die Toten oberhalb der Stadt aushebt: „Im Tal geht die Erinnerung an ihr Leben verloren, denn vom Tal aus sieht man nichts.“

Der Schriftsteller Miljenko Jergovic, 1966 in Sarajevo geboren, ist ein Gedächtniskünstler im eigentlichen Sinne. Wie sein erzählender Totengräber hält er die Erinnerung an unzählige Leben und an den Krieg in Jugoslawien wach. Indem er Geschichten erzählt, atmosphärisch, ohne sich je im Detail zu verlieren, ironisch, doch niemals ohne Taktgefühl. Indem er sich in die Erlebnisse seiner Figuren und in ihre Verhaltensweisen hineinfrisst. Und indem er über das Geschichtenerzählen selbst nachdenkt. Seine frühen Erzählungen, die er unter dem Titel „Sarajevo Marlboro“ versammelt hat, sind im Original bereits 1994 erschienen, eine erste Übersetzung legte der kleine Folio Verlag 1996 vor. Nun gibt es eine Neuausgabe in einer schönen Übertragung von Brigitte Döbert.

Die einzelnen Stücke, die meisten von ihnen kaum länger als vier, fünf Seiten, sind lose durch Orte und Landschaften verbunden, die immer wieder auftauchen. Sarajevo, die Stadt, in der so unterschiedliche Menschen wohnen, erinnert in ihrer Flüchtigkeit an die Wartehalle eines Bahnhofs, „von dem aus Züge zur Hölle wie ins Paradies abfahren“, wie es einmal heißt. Vergänglichkeit, leere Taschen und die stumme Drohung des Krieges sind hier die einzigen Gewissheiten. Auch in den guten Momenten gibt es keine allzu großen Hoffnungen, Erfüllung ist allenfalls als eine Art innerer Frieden zu haben, der manchmal, selten nur, „die Illusion von Glück schafft“. Als dann der Krieg in seiner ganzen Brutalität spürbar wird, geht das Leben in den Dörfern und Städten gleichwohl weiter. Jergovic zeigt diese Gleichzeitigkeit von Alltag und Schrecken sehr schön in kleinen Momentaufnahmen, in Genreszenen und Gesprächen auf der Straße.

Da gibt es den jungen Slobodan, der zwar geistig etwas zurückgeblieben ist, aber fähig, sich jedes gehörte Wort zu merken. Da gibt es, gleich zu Beginn, eine somnambul veranlagte Frau, die davon träumt, das Leben könne zum Märchen werden. Und da gibt es Miso Herz, einen ehemaligen Boxer, der beim Bimmeln der Straßenbahn jedes Mal aufzucken muss. Am Ende fällt er auf einer Brücke, durch eine Kugel, von der man gar nicht weiß, ob sie ihn ins Herz oder in den Kopf getroffen hat. Jergovic legt hier einen Gedanken an, den er später, in seinem großen Roman „Das Walnusshaus“, genauer entfalten wird: Die Erinnerung, ja vielleicht sogar die Historie besteht im Grunde aus lauter Details, aus Einzelheiten und kleinen Geschichten, die sich nicht in einem übergreifenden Ganzen bündeln lassen.

Das Erzählen bietet vielleicht die einzige Möglichkeit, die kleinen Dinge zu verbinden und ihnen doch in ihrer Einzigartigkeit und Brüchigkeit gerecht zu werden. Fast in jedem Text denkt Jergovic über die Macht der Sprache nach, über Wahrheit und Lüge, Bericht und Erfindung. Aber er stellt diese Reflexionen nicht in essayistischer Manier aus, sondern senkt sie in die Gedanken und Handlungen der Figuren ein. Und er hütet sich davor, Stellung zu beziehen, versammelt die Arten des Geschichtenerzählens vielmehr locker, bisweilen auch verspielt. So scheint die Literatur mit ihren vielen Arten des Erzählens weit mehr als andere Medien in der Lage zu sein, den Gesichtern des Krieges gerecht zu werden.

Doch nicht immer bleibt Jergovic diesem Bekenntnis zur Offenheit treu. Gerade in den ersten Erzählungen des Bandes kommentiert er oft ausgiebig, was er zuvor schon erzählerisch ausgebreitet hat. Oder er staut den Gehalt gar umständlich in einer Pointe. An solchen Stellen unterscheidet er sich nur wenig von jenen allgegenwärtigen Überredungskünstlern, die er andernorts kritisiert.

Überzeugend ist er immer dann, wenn er mit verschiedenen Erzählern arbeitet und deren sprachliche Kraft ausspielt, es mag ein Totengräber sein, ein Chronist oder ein zwölfjähriger Junge. Und wenn er eine Atmosphäre aufbaut, die in ihrer Gebrochenheit etwas von der Undurchdringlichkeit des Krieges erzählt, wie in dem Text „Aufwachen“: „Schon gegen sechs Uhr erlosch das letzte bisschen Tageslicht im Zimmer. Alle fünfzehn Sekunden traten drei Kippen eine kurze, nervöse Reise zum Aschenbecher und zurück in den tiefen Schatten an, dorthin, wo Lippen zu sehen waren, solange die Glut aufleuchtete.“

Am Ende lässt der erzählende Totengräber offen, ob man über die Lebenden und die Toten überhaupt etwas sagen kann. Aber man muss es versuchen, so viel ist gewiss, denn: „Die Welt verschwindet mit den nicht ausgesprochenen Worten“. Es ist dieses trotzige Dennoch, das den Reiz von Jergovics Erzählungen ausmacht.

Miljenko Jergovic: Sarajevo Marlboro.

Erzählungen.

Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert. Schöffling Verlag, Frankfurt a. M. 2009. 176 Seiten, 18,90 €.

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