Literatur : Mit Simpel in einer Studenten-WG

Marie-Aude Murail nimmt die Scheu vor Menschen mit Behinderungen

Margit Lesemann

„Der ist verrückt“, ruft Colbert den Leuten zu, wenn sie mal wieder blöd gucken oder über seinen Bruder Barnabé spotten. Barnabé, genannt Simpel, ist 22 Jahre alt und geistig behindert. Nach dem Tod der Mutter ist er dem Vater im Weg, der ihn kurzerhand in ein Heim abschiebt. Simpel sei eine zu große Belastung, erschwere einem das Leben. Colbert kann nicht mit ansehen, wie Simpel in dem Heim traumatisiert wird, und beschließt, sich künftig um ihn zu kümmern. Colbert ist 17 Jahre alt und er hat große Pläne. Gerade hat er sich für die Abschlussklasse an einem Pariser Gymnasium angemeldet, danach will er an einer Elite-Hochschule studieren. Und nun schleppt er also bei seinem Umzug nach Paris Simpel mit sich rum.

Marie-Aude Murail hat mit „Simpel“ einen bewegenden Roman über das Leben mit einem Menschen mit Behinderung geschrieben. Sie schildert die Berührungsängste der Umgebung, die Probleme des jüngeren Bruders, der schon früh Verantwortung übernimmt und seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche oft genug zurückstellt. Schließlich ist es alles andere als leicht, sich um Simpel zu kümmern. Die Schwierigkeiten fangen schon damit an, dass die beiden keine Wohnung finden können. Nach einigem Hin und Her bekommen sie schließlich zwei Zimmer in einer WG, und nach anfänglichem Misstrauen erobert Simpel rasch die Herzen seiner Mitbewohner. Mit liebevollem Einfühlungsvermögen erzählt Murail vom Alltag in der WG und wie Simpel mit seiner unbekümmerten, entlarvend ehrlichen Art das Leben der Studenten ganz schön durcheinander bringt. Ein warmherziges, zutiefst anrührendes Buch, komisch und traurig zugleich und ein humorvolles Plädoyer für einen ungezwungenen Umgang mit Menschen mit Behinderung.Margit Lesemann







Marie-Aude Murail:
Simpel. Aus dem

Französischen von Tobias Scheffel. Fischer Schatzinsel, Frankfurt 2007. 300 Seiten. 13,90 Euro. Ab zwölf Jahren.

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