Literatur : Möglichkeiten einer Insel

Porno, Provinz und Paläontologie: Alexander Häussers Romandebüt „Karnstedt verschwindet“

Anne Kraume

Henderson Island. Von dieser Insel im Pazifik hatten sie geträumt, Karnstedt und sein Freund Simon, damals in der schwäbischen Kleinstadt. Das Geheimnis dieser Insel wollten sie lösen, hier wollten sie ihren Ruf als Wissenschaftler begründen. Jetzt ist Simon tatsächlich Paläontologe. Und Karnstedt ist verschwunden.

Henderson Island. Die Insel ist nichts als ein Haufen zerklüfteter Korallen. Eine Gruppe schiffbrüchiger Seeleute entdeckt hier eines Tages in einer Höhle sechs menschliche Skelette. Viel mehr erzählt uns Alexander Häusser in seinem Debütroman „Karnstedt verschwindet“ nicht von der Insel und ihrer Geschichte. Man erfährt überhaupt nur deshalb von ihr, weil Häussers Protagonist Karnstedt die Rekonstruktion der mysteriösen Geschehnisse auf der Insel zu seinem Lebensziel gemacht hat. Die pazifische Insel aber ist mehr als nur die harmlose und ins Erwachsenenleben überführte Obsession zweier Halbwüchsiger aus der Provinz: Sie ist das Zentrum von Alexander Häussers Roman, um das herum die Geschichte von Karnstedts Verschwinden organisiert ist.

Die seltsame Ambivalenz von Inseln – zugleich Teil von etwas zu sein, eines Archipels, einer Inselgruppe, und dann wieder ein abgeschlossenes Ganzes – wiederholt sich bei Häusser in der Beziehung der Freunde Simon und Karnstedt zu ihrer Kleinstadtumgebung. Als Außenseiter grenzen sie sich bewusst von allen ab. Trotzdem entwickelt ihre Geschichte vor allem deshalb eine unheilvolle Dynamik, weil „die anderen“ eben doch Einfluss auf ihren Werdegang nehmen – und ihre inselhafte Abgeschlossenheit nicht zuletzt dadurch als unfruchtbar entlarvt wird. „Karnstedt verschwindet“ erzählt die Geschichte dieser prekären Freundschaft im Rückblick, nach Karnstedts Verschwinden und aus der Perspektive des erwachsenen Simon. Obwohl die beiden sich seit Jahrzehnten nicht gesehen haben, bestimmt Karnstedt ausgerechnet Simon zum Verwalter seines Nachlasses – die Beschäftigung mit Karnstedts materiellen und ideellen Hinterlassenschaften setzt nun die Erinnerungen frei. Dieser erzählerische Kunstgriff ist nicht eben originell – und auch die Geschichte selbst ist es nicht, die da aus den Tiefen der Vergangenheit emporsteigt.

Provinz, Einsamkeit, Unangepasstheit, Freundschaft, hochfliegende Träume, unausgesprochene Homosexualität – das alles ist schon manches Mal erzählt worden. Und manches Mal auch besser als von Alexander Häusser, dem die Erzählmuster immer wieder zu Klischees erstarren. Dass man dem Buch die Banalität vieler Szenen zwischen Pornokino und Prügelei auf der Klassenfahrt trotzdem nicht wirklich übel nimmt, das liegt an Henderson Island: In den kurzen gedanklichen Expeditionen auf die Insel scheint nicht nur für Simon und Karnstedt die Möglichkeit eines anderen, spannenderen Lebens hervor, sondern auch für den Leser die eines anderen, spannenderen Romans.

Alexander Häusser: Karnstedt verschwindet. Roman. Knaus Verlag, München 2007. 300 Seiten, 19, 90 €.

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