Literatur : Mönchlein, du gehst einen schweren Gang

„Sacco di Roma“: ein Bericht über Roms Plünderung durch deutsche Landsknechte

Andreas Conrad

Georg von Frundsberg? Der Name ist hierzulande nicht mehr geläufig. Wohl deshalb spielte er 2006 in der aufgeregten Debatte um Günter Grass als ehemaligen Angehörigen der SS-Panzerdivision „Frundsberg“ kaum eine Rolle. In Italien, Rom zumal, dürfte der Bekanntheitsgrad des deutschen Landsknechtsführers aus dem 16. Jahrhundert, der 1943 per „Führerbefehl“ zum Namenspatron der Einheit wurde, sehr viel höher sein. Frundsberg spielte im Vorfeld einer der größten Katastrophen in der Geschichte der Ewigen Stadt, des am 6. Mai 1527 beginnenden „Sacco di Roma“, der Plünderung Roms, eine ebenso zentrale wie tragische Rolle.

Nur die Autorität des legendären „Vaters der Landsknechte“, dem der martialische Ausruf „Viel Feind, viel Ehr“ wie auch die Mahnung an Luther in Worms („Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang“) zugeschrieben werden, hätte wohl das kaiserlich-habsburgische Heer davon abhalten können, über die Stadt am Tiber herzufallen und unter ihren Bewohnern eine zehnmonatige Schreckensherrschaft zu errichten. Doch gerade beim Versuch, seine ausgehungerten, seit langem auf Sold wartenden Truppen zu zügeln, war Frundsberg, eher besonnener Kriegsmann als brutaler Schlagetot, Wochen zuvor vom Schlag getroffen worden.

Auch der „Sacco di Roma“ selbst gehört in Deutschland, woher viele der Söldner Karls V. kamen, nicht gerade zum Allgemeinwissen. Gut also, dass Volker Reinhardt, auf das Italien der frühen Neuzeit spezialisierter Historiker an der Universität Fribourg/Schweiz, jetzt in einem Buch die Ereignisse um den 6. Mai 1527 dargestellt und analysiert hat. Und gut auch, dass er sich nicht in der Darstellung blutrünstiger Metzeleien verliert. Er legt den Schwerpunkt vielmehr auf die Hintergründe der die damalige Welt erschütternden Katastrophe. In ihr kulminiert für den Autor nicht menschliche Planung, eher spiegelt sie für ihn „einem Geschichtsbeben gleich, die Umbrüche und Bruchstellen der Zeit“.

Zweifellos fällt dem heutigen Historiker der Überblick über das Chaos der Ereignisse leichter als den Zeitgenossen. Ein „Kunstprodukt, bei aller Faktengenauigkeit letzlich unhistorisch, da so von niemandem in der Zeit selbst gesehen“, bleibt dessen Darstellung dennoch, wie Reinhardt zu Recht hervorhebt. Und so hat er sich daran gemacht, nach dem „deutenden Ereignisbericht“, der den Akteuren in ebenso präziser wie plastischer Darstellung durchs Labyrinth ihres Handelns und Leidens folgt, einen zweiten Teil folgen zu lassen.

In ihm erteilt er den Akteuren quasi selbst das Wort, wechselt in die Perspektive der Zeitzeugen: der Opfer, der Täter, der Reformer unter den Prälaten, der Humanisten um Erasmus von Rotterdam und der zeitgenössischen Historiker. Das macht den Blick auf die Geschichte nicht einfacher, präsentiert sie nunmehr als Kaleidoskop widersprüchlicher Meinungen und Interpretationen: verwirrend, doch zugleich notwendig.

Der „Sacco di Roma“ war Teil des blutigen Ringens um die Herrschaft in Oberitalien zwischen Karl V., dem König von Spanien und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, und Frankreichs König Franz I. Dritte Kraft in dieser Region war Papst Clemens VII., ein ebenso wankelmütiger wie geiziger Mann.

Er hätte gut daran getan, sich aus den politischen Grabenkämpfen und Feldschlachten herauszuhalten, statt dessen ergriff er offen Partei für den Franzosen. Es war der Beginn einer Kette von Verhandlungen, Intrigen, Scharmützeln, Schlachten, bis Anfang Mai 1527 das kaiserliche Heer vor den Toren Roms stand: ein verwilderter, undisziplinierter Haufen, ohne Sold und selbst vom Hungertod bedroht, vor sich die von Reichtümern überquellende Stadt, die von militärischem Schutz weitgehend entblößt war. Auch dies war eine Folge des geizigen Papstes, der alle Gelegenheiten versäumt hatte, die Stadt mit einem Lösegeld freizukaufen.

Schon bei den ersten Angriffen wurde Charles de Bourbon, nach dem Ausfall Frundsbergs alleiniger Führer des kaiserlichen Heeres, tödlich verwundet, was die Angreifer nur weiter anstachelte. Bald drangen die ersten Landsknechte ins Stadtgebiet ein, der Papst rettete sich auf die Engelsburg, konnte sich von dort erst später den Weg in die Freiheit erkaufen. Der Rest der Stadt war den entfesselten Horden schutzlos preisgegeben. Rund 10 000 Tote waren danach zu beklagen, Folterungen, Massenvergewaltigungen in Nonnenklöstern, Plünderungen, Erpressungen von Lösegeldern. Zahllose Kunstschätze wurden geraubt oder zerstört.

Noch heute finden sich Graffiti, die Landsknechte in die Wände der geplünderten Villen ritzten. Auch in den Materialien für Touristen ist der Sacco di Roma weiter präsent, und nicht selten wird dort zwischen den Ereignissen von 1527 und denen von 1944 parallelisiert, wird, wie Reinhardt schreibt, der Sacco di Roma als Indiz interpretiert, „dass aller zivilisatorische Fortschritt die zerstörerischen Kräfte der deutschen Nation nicht zu unterdrücken vermochte“.

Im Vatikan schließlich ist der 6. Mai Gedenktag der Schweizer Garde, an ihm werden die neuen Rekruten vereidigt. Die päpstliche Leibwache hatte 1527 einen besonders hohen Blutzoll entrichtet: Von 189 Gardisten überlebten nur 42.

Volker Reinhardt: Blutiger Karneval.

Der Sacco di Roma 1527 – eine politische Katastrophe.

Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009.

144 Seiten, 19,90 €.

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