Monika Rinck : Helle Verwirrung

Monika Rinck vollführt in "Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben" poetische Drahtseilakte - allerdings nur zehn Zentimeter über dem Boden.

Thomas Wegmann
288552_0_0c250960.jpg

Ein Album kann vieles sein: Poesiealbum, Fotoalbum, Musikalbum. Insofern passt die Bezeichnung für das, was die Berliner Lyrikerin Monika Rinck unlängst vorgelegt hat: Hybridformen zwischen Text und Zeichnung, Prosa und Lyrik, kleingeschrieben und assoziativ: „ich hielte dich nicht, quitte, dein licht dein quittengesicht.“

Davon gibt es einen ganzen Zyklus: „Der Quitte wegen“. Man muss ihn als kleine Hommage an Max Goldt lesen, der die Quitte vor etlichen Jahren literaturfähig gemacht hat: „Quitten für die Menschen zwischen Emden und Zittau“ hieß eine Textsammlung, in der sich auch ein Stück über ungeliebtes Obst findet – und ein Quittenwitz, der mit einem Doppelzentner Quitten anfängt und mit einer Quittung endet.

Ansonsten kreisen Rincks Zeilen häufig um Tier und Fleisch, um Tierliebe und Fleischeslust, auch die an solchem, das keine Eltern hat, Fruchtfleisch von Quitten zum Beispiel. Nun ja, diese Art literarischer Lust hat Tradition, es ist die Hoffnung auf das Wort gewordene Fleisch und das Fleisch werdende Wort, eine Art profaner Transsubstantion. Aber Rinck gewinnt ihr originelle Seiten ab: „Sich einen Teller Tatar zu teilen im Zustand der Willenlosigkeit“ – das mag für Vegetarier die Höchststrafe darstellen, ansonsten aber hält der Text, was der Titel verspricht.

Und das gilt für die ganze „Helle Verwirrung“, die gern einen poetischen Drahtseilakt ohne Netz und doppelten Boden vollführt, allerdings nur zirka zehn Zentimeter über der Erde. Für mehr scheint sie zu reflektiert. Ab und an ein semi-artistisches Enjambement, hin und wieder ein aparter Binnenreim: „die wohnungsbrand, aye, aye, verzehrt / mich nicht, die hose runter, wehrt sich nicht, wieso?“

Zurückgefragt: Wer spricht da eigentlich? Eher selten das klassische lyrische Ich. Das fand sich schon in ihren früheren Gedichtbänden kaum. Rinck, 1969 in Zweibrücken geboren, verdichtet und verschränkt stattdessen häufig Sprechakte, Sätze, die man überall und nirgends hören kann. Daraus entstehen Textgebilde, Hybridformen, Rollenprosagedichte: „herrje, da kippen wir jetzt einen würzling drüber.“ Geht doch, oder?

Monika Rinck: Helle Verwirrung. Rincks Ding- und Tierleben. Gedichte, Texte und Zeichnungen. kookbooks, Idstein 2009. 200 Seiten,
2 Buchblöcke im Schuber, 24,90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar