Literatur : Moralischer Mehrwert

Öko-soziale Pioniere: Hannes Koch über „gute“ Unternehmer und die Vorteile eines nachhaltigen Wirtschaftens

Harald Schumann

Der Boss ist ein Adeliger aus altem deutschem Geschlecht. Er gebietet über einen multinationalen Konzern mit 6500 Beschäftigten in 16 Fertigungsstätten von Brasilien bis China und er macht gut 30 Millionen Euro Gewinn im Jahr. Insofern ist Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, Eigentümer und Topmanager des weltgrößten Herstellers von Blei- und Buntstiften, ein ganz normaler deutscher Unternehmer. Gleichwohl sind der Graf und sein Schreibgerätekonzern etwas Besonderes. Denn Faber-Castell geht trotz des harten globalen Wettbewerbs nicht den Weg der Kostenminimierung um jeden Preis. Stattdessen verfolgt er die Einhaltung strikter sozialer und ökologischer Leitlinien. Für alle Werke gilt eine Sozialcharta, die das örtliche Management verpflichtet, die Standards der Internationalen Arbeitsorganisation einzuhalten. Dazu gehört unter anderem das Verbot überlanger Arbeitszeiten und die Zulassung freier Arbeitnehmervertretungen, auch dort, wo das wie in China eher nicht üblich ist. Zudem lässt Faber-Castell die Einhaltung der Charta durch unabhängige Fachleute überwachen. Das Gleiche gilt für die ökologische Nachhaltigkeit der Produktion. Das Holz für die Stifte kommt großteils von der konzerneigenen Plantage in Brasilien, wo ohne Hungerlöhne und Pestizide gearbeitet wird. „Menschen behandelt man anständig“, lautet das Credo des Unternehmer-Grafen, und auch Gewerkschafter applaudieren. „Wir klopfen jeden Tag auf Holz, dass er noch lange leben möge“, sagt der Betriebsratschef des Stammbetriebs in Nürnberg.

Ist Faber-Castell also ein Idealist? Einer von dieser aussterbenden Spezies von Unternehmern, die aus ethischen Gründen auf Profit verzichten? Hannes Koch, Wirtschaftsjournalist bei der Berliner „tageszeitung“, widerspricht ausdrücklich. In seinem Buch über „Soziale Kapitalisten“ beschreibt er, warum eine wachsende Zahl von Unternehmern gerade deswegen erfolgreich ist, weil sie auf die Einhaltung hoher sozialer und ökologischer Standards pochen. Wie das geht, hat er in zehn gründlich recherchierten und unterhaltsam geschriebenen Portraits über „gute Unternehmer“ zusammengetragen. Da erfährt der Leser etwa, wie es Götz Werner, der Inhaber der Drogerie-Kette dm, erreicht, dass er trotz guter Bezahlung und Mitbestimmung für seine Mitarbeiter, mehr Rendite erzielt, als sein Konkurrent Schlecker, dessen Betriebe wegen mieser Arbeitsbedingungen und Löhne immer wieder in der Kritik stehen. Da erzählt Michael Otto, Chef des gleichnamigen Versandhauses, warum er sich schon immer als „ein Grüner“ verstanden hat und darum gegen Kinderarbeit zu Felde zieht und auf ökologisch sauberer Produktion bei seinen Lieferanten besteht. Berichtet wird auch, wie die Alt-68erin Marli Hoppe-Ritter versucht, ihre geerbte Schokoladenfirma auf Kakaolieferungen aus biologischem Anbau umzustellen oder wie der Investmentprofi Andrew Murphy die Millionen seiner Kunden so anlegt, dass sie zum ökologischen Umbau der Energieversorgung beitragen. Allen gemeinsam ist, dass sie „moralischen Mehrwert“ produzieren, wie Koch es nennt. Die Unternehmen bieten an, was eine stetig wachsende Zahl von Kunden fordert: Produkte und Dienstleistungen, die dazu beitragen, die Welt ein wenig besser zu machen.

Der Autor belässt es jedoch nicht bei der kurzweiligen Beschreibung seiner öko-sozialen Pioniere. Zugleich lotet er anhand zahlreicher Studien und Gesprächen mit Fachleuten aus, wie groß die Chancen solcher Alternativen zur „wertfreien Ökonomie“ des Shareholder-Value-Kapitalismus auf dem Weltmarkt sind. Das Ergebnis ist durchwachsen. Auf der einen Seite nennt er eine Fülle von Gründen, warum nachhaltiges Wirtschaften auch nachhaltige Unternehmen und Gewinne begünstigt. Zufriedene Mitarbeiter sind produktiver und erzeugen höhere Qualität. Zudem wächst die Zahl der Verbraucher, die ohne schlechtes Gewissen einkaufen wollen. Auf die „Ökonomisierung der Politik“, also die Orientierung der Regierungsarbeit an den Interessen des Kapitals, folge nun eine „Politisierung der Ökonomie“, konstatiert Koch. Immer häufiger müssten sich Unternehmen der öffentlichen Prüfung unterziehen, unter welchen Bedingungen ihre Produkte eigentlich zustande gekommen sind. Insofern habe ökologische Nachhaltigkeit „einen positiven Effekt auf die Aktienrendite“, zitiert er eine Untersuchung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.

Gleichzeitig ist derlei moralischer Mehrwert aber im Betriebsalltag kaum zu beziffern. Wie die Bilanz des guten Gewissens aussehe, wisse er auch nicht, sagt Versandhaus-Chef Otto. Ohne einen Ausdruck in Euro und Dollar haben viele Manager aber kaum die Wahl. Im beinharten Wettbewerb zählen vor allem bei den großen Konzernen nur die messbaren Vorteile. Daher sei es kein Zufall, dass er bei der Suche nach vorbildlichen Unternehmen nur auf solche gestoßen sei, die im Eigenbesitz der Verantwortlichen sind und nicht an der Börse gehandelt werden, schreibt Koch. Das Kurzfristdenken am Kapitalmarkt stehe der langfristigen Vernunft in der Regel im Wege. Die Hoffnung, der ökologische Umbau und die soziale Zähmung des Kapitalismus könne allein über den Markt laufen, werde sich daher wohl nicht erfüllen, selbst wenn die Nachfrage nach entsprechenden Produkten steige. Unverzichtbar sei daher die Nachhilfe durch die Politik, meint Koch, und präsentiert gleich eine ganze Reihe von Vorschlägen, die womöglich besser wirken als Vorschriften und Gesetze. So erliegt der Autor keineswegs der Versuchung, die so gar nicht öko-soziale Wirklichkeit des Wirtschaftsalltags über seinen Positivbeispielen zu vergessen. Aber gerade das macht seinen Mutmacher in Buchform zur spannenden Lektüre.









– Hannes Koch:

Soziale Kapitalisten. Vorbilder für eine gerechte Wirtschaft. Rotbuch Verlag, Berlin 2008. 192 Seiten, 19,90 Euro.

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