Musik-Literatur : Es-Moll. Unfassbare Tonart

Musik nur in Form klingender Töne ist ihm nicht genug: Ingo Metzmacher, der Chef des Deutschen Symphonie-Orchesters, hat ein Buch über die Oper geschrieben.

Udo Badelt
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Ingo Metzmacher ist ein umtriebiger Mensch. Als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters wird er Berlin zwar nach der Saison 2009/2010 verlassen. Doch es ist sicher, dass man weiter von ihm hören wird – und lesen. Denn Musik nur in Form klingender Töne ist Metzmacher nicht genug. Er schreibt auch Bücher, in denen er seine Sicht auf Werke und Komponisten erläutert. Als Advokat der Musik des 20. Jahrhunderts – unter anderem spielte Metzmacher alle acht Symphonien von Karl Amadeus Hartmann mit den Bamberger Symphonikern ein – schrieb er 2005 in „Keine Angst vor neuen Tönen“ über Neue Musik. Für die Zeitschrift „Opernwelt“ war es das Buch des Jahres, zugleich wählte sie die Hamburger Staatsoper, die damals von Metzmacher geleitet wurde, zum Opernhaus des Jahres.

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Ingo Metzmacher. -Foto: dpa

Dass Metzmacher Berlin jetzt verlässt, liegt möglicherweise auch daran, dass er von der Opernbühne nie hat lassen können. Bei der Lektüre seines neuen Opernbuches „Vorhang auf!“ entsteht jedenfalls der Eindruck, dass ihm das Musiktheater alles bedeutet – von der Luft im Orchestergraben bis zur stundenlangen Beleuchtungsprobe. 15 Opern werden vorgestellt, die meisten natürlich aus dem 20. Jahrhundert. Eingeschoben sind zwölf „Verwandlung“ genannte Zwischenkapitel, in denen Metzmacher den Entstehungsprozess seiner Hamburger „Wozzeck“- Inszenierung erzählt, von der ersten Besprechung vor dem Kaminfeuer des Regisseurs Peter Konwitschny bis zur Premiere.

Die Werkbeschreibungen sind keine musikwissenschaftlichen Analysen, sondern Erfahrungen eines Praktikers. Meist steht die Inhaltswiedergabe im Vordergrund, darin eingewebt ist aber immer auch eine Interpretation der Partitur und zugleich eine Schilderung der Probensituation. Metzmacher wendet einen verknappten, häufig verblosen Erzählstil an, der um Luft zu ringen scheint: „Es-Moll. Unfassbare Tonart. Einmalig. Klänge des Unterbewusstseins“ (Don Giovanni). Oder: „Orgelregister, leicht verstimmt. Raffiniert gemischte Bläser. Das muss genau ausbalanciert werden. Er hat ein Kind ohne den Segen der Kirche“ (Wozzeck). Man möchte diesen Stil fast epiphanisch nennen, wegen der geschärften Wahrnehmungsbereitschaft, mit der der Autor gleichsam staunend jeden Augenblick und jede Sensation registriert.

Die Auswahl ist rein subjektiv. Das gängige Opernrepertoire ist zwar nicht groß, aber doch größer als die 15 vorgestellten Werke. Trotzdem übersteigt Metzmacher in seinen Texten das rein Private. Sie erzählen immer wieder von Grundsätzlichem: Wie atemberaubend und ungeheuer diese Kunstform ist und welche Grenzen sie sprengt.


- Ingo Metzmacher: Vorhang auf! Rowohlt Berlin, 224 S., 16,90 €.

Der Autor stellt das Buch am Dienstag, 15. 9., um 20 Uhr im Berliner Radialsystem (Holzmarktstr. 33) vor.

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