Musikbuch : Die Welt der drei Akkorde

John Robb, Journalist und Sänger von "Goldblade", erzählt die Geschichte des Punk.

Lutz Herrschaft
Ramones
Punkrocker: Das Logo der "Ramones". -Foto: ddp

Manche behaupten ja, Hugo Ball und Richard Huelsenbeck habe zum Punk nur die E-Gitarre gefehlt. Andere sagen: Wenn Hundehalter mit Fußballerfrisuren Probleme auf Tübinger Kirchentreppen verursachen, dann ist das kein Punk. Aber als Klaus Nomi Purcell sang – das war schon Punk. Nun belehrt uns allerdings John Lydon Esq., dass es in der New Yorker Szene gar keine Punks, sondern nur „beschissene Studenten“ gegeben habe – und Journalisten, die das Etikett Punk überall da hingepappt hätten, wo ihnen niemand auf die Finger klopfte. Und die Ramones seien auch nicht anders als Status Quo gewesen. Punk ist London. Basta. Und Punk ist 1977, was zwar nicht stimmt, aber die schneidige Doppelsieben eignet sich gut fürs Generationenlabeling.

John Robb ist 46 Jahre alt, Journalist, und Sänger einer Punkband (Goldblade) – wie schon 1977 (The Membranes). Der Mann kann schreiben, lässt in seiner oral history aber zumeist andere sprechen. So entsteht die Welt der drei Akkorde zwischen 1975 und 1984 in ihrer bizarren Widersprüchlichkeit aufs Neue – und zwar nicht etwa aus der Sicht des Chefzynikers John Lydon. Robb war fleißig, er hat die gesamte britische punk gentry interviewt. Wühlbuch-Seufzer sind bei der Lektüre unvermeidlich, vergessene Namen schlagartig präsent. Etwa Alternative TV (dieses befreiend katastrophale Live-Album), Penetration, Adverts, Slaughter and the dogs. Doch der geneigte Leser (geneigt muss er schon sein, sonst wird er diesen Backstein von Buch schnell weglegen) lernt auch etwas. Und zwar, dass London 1975/76 mehr war als die ermüdend oft kolportierte Schläue der Madame Westwood und das Kopieren amerikanischer Vorbilder. Nach Robbs Buch werden es Reduktionisten in Sachen Punk deutlich schwerer haben.

Die deutsche Übersetzung erscheint pünktlich zum Jubeljahr. Ist das nur marktüblich oder auch schon wieder irgendwie Punk? Jedenfalls können Zitate unter Punkverdacht geraten, etwa dieses: „Jürgen Klinsmann ist Punk, Prince Charles ist Punk. Die Sex Pistols sind kein Punk, kapiert?“ Aber das steht nicht etwa in Robbs Buch; diese, einem John Lydon genannten Mann zugeschriebenen, Sentenzen hat Tom Kummer 1996 für das verblichene „Jetzt“-Magazin der „Süddeutschen Zeitung“ notiert. Punk hat schon Schlimmeres überlebt. Nach der Lektüre von Robbs O-Ton-Collage möchte man den Ironie- und Analyseballast sowieso am liebsten abwerfen und einfach mal wieder diese alte Adverts-Single hören – die mit der Bassistin auf dem Cover.

John Robb: Punkrock. Die ganze Geschichte. Ventil-Verlag, Mainz 2007. 523 Seiten, 19,90 €.

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