Musikkultur : Victor Wooten: Gottes Groove

Der Bassist Victor Wooten lehrt die wahre Musik. Sein Plädoyer, Musik so natürlich zu erlernen wie die Muttersprache, und die Angst vor falschen Tönen zu verlieren, hat ihre Reize.

Gregor Dotzauer

Als Akrobat würde er auch im Zirkus eine gute Figur abgeben. Als Musiker aber ist er über reine Virtuosennummern längst hinaus. Victor Wooten hat den elektrischen Bass im Gefolge von Jaco Pastorius, Stanley Clarke und Marcus Miller nicht nur emanzipiert, er hat ihn transzendiert. Wie er sein Instrument mit saitenschnalzendem Slapping und perkussivem Tapping von allen Schwerfälligkeiten befreit – das hat vor allem einen überwältigenden Groove. Dazu gehört nicht nur eiserne Übedisziplin, sondern auch das Gegenteil: die innere Freiheit, das Gelernte im richtigen Moment wieder loszulassen. An städtischen Musikschulen erlangt man das dafür nötige Bewusstsein so nicht unbedingt: Es dürfte ohnehin das Privileg außereuropäischer Kulturen sein. Auch deshalb wollte Victor Wooten seine spirituellen Erfahrungen, die er seit Jahren in Workshops weitergibt, in einem Roman verarbeiten.

Niemand hätte erwartet, dass er auch ein begnadeter Erzähler ist. Doch was er in „Music Lesson“ im Dialog mit einem rätselhaften Weisen namens Michael mühsam fiktionalisiert entwickelt, ist in den Kapiteln über Rhythmus, Ton und Phrasierung nur ein Aufguss seiner Lehrkonzepte. Und es ist in seiner ganzheitlichen Weltsicht von einer Vag- und Schlichtheit, gegen die Joachim-Ernst Berendts „Nada Brahma – Die Welt ist Klang“ geradezu musikphilosophische Gipfel erklimmt. Tony Levin, ein Meister des Gitarre-Bass-Hybrids Stick, rühmt Wooten als den „Carlos Castaneda der Musik“. Genau da liegt das Problem. Wootens Wahrheiten, die er unter anderem dem an indianischen Weisheiten geschulten Fährtenleser Tom Brown jr. verdankt, klingen zu sehr nach Küchentischspiritualität – und lassen sich kaum praktisch anwenden.

Wootens Plädoyer, Musik so natürlich zu erlernen wie die Muttersprache, und die Angst vor falschen Tönen zu verlieren, hat zwar ihre Reize. „Rein rechnerisch“, erklärt er mit Blick auf die 12 Halbtöne der Oktave, „spielen wir in über 50 Prozent der Fälle den ,richtigen‘ Ton, auch wenn wir nicht wissen, in welcher Tonart wir spielen.“ Nützlicher – und dabei spirituell nicht weniger ausgerichtet – ist ein Buch des Jazzpianisten Kenny Werners: „Effortless Mastery – Liberating the Master Musician Within “.

Victor L. Wooten: Music Lesson. Die Geschichte einer Suche nach Wahrheit, Weisheit und Vollendung. A. d. Amerikanischen v. Ulrike Kretschmer. Irisisana, München 2009. 344 S., 16,95 €.

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